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Deadly Premonition: The Director’s Cut im Test

Verdammt guter Kaffee!

Im beschaulichen Städtchen Greenvale in Washington wird die Leiche der 18-jährigen Anna Graham gefunden. Während die örtliche Polizei von einem Ritualmord ausgeht und im Dunkeln tappt, ist FBI Special Agent Francis York Morgan überzeugt davon, dass Anna Opfer eines Serienkillers wurde. Doch auf dem Weg nach Greenvale kommt Morgans Auto von der Straße ab. Während einer regennassen Nacht kämpft er sich durch zahlreiche übernatürliche Schatten – und entkommt den Fängen einer maskierten Gestalt mit einem roten Regenmantel.

Der Plot liest sich natürlich stark wie Twin Peaks – und das ist kein Zufall. Designer Hidetaka Suehiro, genannt „Swery 65“, hat sich stark von David Lynchs Serie inspirieren lassen. Tatsächlich sogar so sehr, dass nahezu jeder Charakter der Serie einen Gegenpart in Greenvale hat. Überhaupt nimmt sich das Spiel sehr viel Zeit, uns alle Charaktere näher zu bringen und uns Gedanken um sie zu machen. Morgan selbst, der von allen nur „York“ genannt werden will, z.B. redet die ganze Zeit über mit einem imaginären Freund namens Zach und hat eine fast schon ritualistische Veranlagung für seinen morgendlichen Kaffee. Die geht sogar so weit, dass er mit Hilfe seines schwarzen Lebenssaftes sogar die Zukunft vorhersagen kann – jedenfalls glaubt er das. Und er ist nur die Spitze des Eisberges. Vom altrockenden Kaufladenbesitzer über den örtlichen Förster bis hin zur alten Hotelbetreiberin lernen wir alle Leute kennen, die Greenvale so zu bieten hat. Und das ist angesichts des Gameplays auch durchaus wichtig.

Im Laufe der Entwicklungen entwickelt sich eine sehr spannende Story, die mit zahlreichen interessanten Wendungen aufwarten kann und in der die Charaktere anstatt der Ereignisse in den Vordergrund gerückt werden. Was nicht heißen soll, die Ereignisse seien nicht relevant. Vor allem einige der späteren Levels zeichnen sich durch ungewöhnliche Designentscheidungen aus.

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Es gibt viel zu tun, Zach.

Spielt man nur den Prolog, dann wirkt Deadly Premonition auf den ersten Blick wie ein Third Person Shooter im Stil von Resident Evil 4. Man hat Nahkampfwaffen, eine Pistole mit unendlich Munition und ein Inventar, in dem man Gegenstände transportieren kann. Greenvale öffnet sich erst nach dem Prolog-Kapitel. Dann wandelt sich die Art des Spiels völlig: Man bekommt ein Open World-Sandbox Spiel, in dem man Greenvale und die nähere Umgebung nahezu frei erkunden kann. Zwar hat man ein vorgegebenes Ziel, aber trotz Zeiteinteilung kann man seinen Tag so gestalten wie man möchte. Man kann entweder der Hauptstory folgen – oder stattdessen sich mit den Bewohnern von Greenvale unterhalten, selbst Ermittlungen anstellen und eine von insgesamt 50 Nebenaufgaben lösen, von denen viele gut versteckt sind. Auch andere Aktivitäten wie Angeln, Rennen fahren oder Dart spielen stehen zur Verfügung.

Bei allem sollte man aber eines beachten: Deadly Premonition nimmt sowohl Tageszeit als auch Wetterbedingungen äußerst ernst. Daher sollte man immer frühzeitig den Wetterbericht checken. Geschäfte sind nur tagsüber auf und auch nur dann, wenn es nicht regnet. Denn Regenwetter bringt fast die ganze Aktivität in der Stadt zum Erliegen. Jedoch hat das schlechte Wetter den Vorteil, dass man die Einwohner so in ihren Häusern antreffen kann. Bestimmte Nebenaufgaben sind daher nur bei schlechtem Wetter erfüllbar. Ansonsten gehen  die Bewohner an sonnigen Tagen ihrem eigenen Tagesablauf nach. So kann es durchaus vorkommen, dass sie zwischendurch andere Leute besuchen oder Besorgungen machen müssen. Und auch York muss einige Bedürfnisse stillen. Wichtig ist z.B. der regelmäßige Wechsel der Kleidung und das man immer wieder etwas isst. Auch Schlafen legen sollte man sich nach einiger Zeit. Wer möchte, kann sich sogar rasieren. Ansonsten wächst York im Laufe des Spiels in „Echtzeit“ ein stattlicher Bart an die Backe.

Die offene Welt von Greenvale wird unterbrochen durch Action-Segmente wie im Prolog, in denen York bestimmte Örtlichkeiten untersuchen muss, um Hinweise auf Annas Mörder zu erhalten. Hatte das Original noch 3 wählbare Schwierigkeitsgrade, so reduziert der Director’s Cut sie auf einen einzigen Schwierigkeitsgrad, der irgendwo zwischen Leicht und Normal liegt. Wer sich also gut auskennt, wird schnell passende Waffen haben um mit der Handvoll Gegner fertig zu werden, mit denen man konfrontiert wird. Wenn diese Segmente einmal geschafft sind, können sie jederzeit noch mal gespielt werden. Warum sollte man das machen? Um eine der insgesamt 65 Sammelkarten zu erhalten, die überall in Greenvale und Umgebung versteckt sind. Oftmals sind diese Karten auch über Nebenaufgaben zu erhalten. Ihr Sammeln schaltet mit der Zeit einige nützliche Gegenstände frei wie neue Anzüge und Waffen.

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Wer interessiert sich schon für Technik?

Was die Präsentation angeht, so gewinnt Deadly Premonition keinen Blumentopf. Im Gegenteil: Auch wenn die Grafik des Director’s Cut ein wenig aufgebessert wurde, so sei gesagt: Dieses Spiel ist potthässlich. Das mag daran liegen, dass die Entwicklung ursprünglich für die PS2 begann und sehr spät erst auf Xbox 360 und PS3 verlagert wurde, ist aber dennoch keine Entschuldigung. Zu sagen es sehe krude aus, ist hierbei noch eine Untertreibung. Die Animationsqualität ist hölzern, die Landschaft leblos – Es sieht im Grunde aus wie aus der Steinzeit. Und was noch erschwerend ist: Vor allem bei der Nutzung von Fahrzeugen kommt die Grafik mit dem Laden nicht hinterher und man fährt durch eine Landschaft völlig ohne Texturen.

Die Soundkulisse ist immerhin etwas besser. Der Soundtrack ist überraschend jazzig angehaucht und bringt sehr viele wiederkehrende, aber erinnerungswürdige Melodien mit sich. Insgesamt Musik trägt sehr zum mysteriösen Charme des Spiels bei, ohne dabei wirklich in den Vordergrund zu drängen. Genau so hölzern wie die Grafik sind die Soundeffekte, die selten überzeugen können. Immerhin sind die Sprecher durchaus bei der Sache. Es gibt zwar einige nervige Besetzungen, aber ansonsten verleiht jeder der Sprecher seinem Charakter einen eigenen Ton. Und angesichts der Tatsache, wie viele Leute in Greenvale leben, ist das auch durchaus willkommen.

Den PC-Port hingegen kann man nur als eine totale Katastrophe bezeichnen. Nicht nur fehlt DirectInput, was bedeutet, dass Controller aller Art, inklusive dem der Xbox 360, nicht von Haus aus unterstützt werden. Es fehlen zudem nahezu sämtliche Grafikoptionen. Die Grafik des Spiels ist auf eine Auflösung von 1280×720 Bildpunkten eingeschränkt und auch die Mausbelegung lässt sich nicht ändern. Für beides hat ein findiger und in der Szene bekannter Modder namens Durante in weniger als 2 Stunden nach Veröffentlichung eine erste Lösung erstellt, was die Arbeit von Rising Star Games nur noch schlampiger aussehen lässt. Aber selbst der beste Modder kann nichts gegen die zahlreichen Bugs und Abstürze machen, von denen Nutzer klagen. Ich selbst hatte bei meinem Test mit einer Ausnahme weniger Probleme (das Spiel kann man nicht ohne weiteres mit Alt+Tab verlassen), aber offenbar scheinen die meisten Fehler erst sehr spät im Spiel aufzutreten. Absolut inakzeptabel sind hingegen die unglaublich langen Ladezeiten von bis zu 2 Minuten. Immerhin eine gute Sache hat der Port: Die Framerate-Probleme, die die PS3-Version des Director’s Cut geplagt haben, sind behoben worden. Aber angesichts der Aussage von Rising Star Games, mit „Moddern in Kontakt zu treten, um anfallende Probleme zu beheben“ kann ich wiederum nur fragen: Geht’s noch? Wieso macht man sich die Arbeit, das Spiel auf den PC zu bringen, wenn man offensichtlich weder die Lust noch die Zeit oder das Geld hat, es anständig zu tun? Jetzt stattdessen Privatleute damit zu beauftragen, welche die eigens gemachten Fehler beheben sollen, wirkt in dieser Hinsicht wie eine Bankrotterklärung. Ein echtes Armutszeugnis.

Ein wenig besser kommen die beigelegten Extras weg. Wie versprochen liegt der PC-Version der gesamte DLC des Director’s Cut bei. Hinzu kommt jeweils eines von 3 neuen Kostümen für 3 verschiedene Charaktere, welche exklusiv nur auf dem PC zu haben sind. Ansonsten enthalten sind mehrere freischaltbare Fahrzeuge, ein optionaler Skin für den Streifenwagen, Kostüme für York und die Möglichkeit, sein eigenes Haus in Greenvale zu beziehen, in dem man Zugriff auf alle wichtigen Dinge wie Werkzeugkiste und ein Bett hat. Nur einen Wiederspielwert gibt es nicht. Alle Dinge stehen von Anfang an zur Verfügung und nach einem Durchmarsch durch die Story hat es sich schon.

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FAZIT: Ein Director’s Cut – von Edward D. Wood jr.!

Anmerkungen:
Gespielt wurde die PC-Version auf Steam. Verschiedene Anbieter verkaufen eigene Fassungen von Deadly Premonition: The Director’s Cut, darunter Gamersgate und GoG. Es ist außerdem erschienen für PS3 und in einer normalen Fassung ohne Extras für die Xbox 360.

 

Summary
Ich bin schwer enttäuscht worden von der PC-Version von Deadly Premonition. Nur drei Monate nach der Ankündigung wirft uns Rising Star Games einen lieblosen, ja geradezu faulen Port auf den Markt, der nicht einmal den geringsten Anforderungen an ein PC-Spiel im Jahre 2013 gerecht wird. Tatsächlich ist die Erfahrung damit so mies, dass man nicht einmal das außergewöhnliche Spiel sie retten kann. Zwar war Deadly Premonition noch nie sehr bekannt für seine spielerische Qualität, aber zumindest etwas Arbeit hätte man sich machen können.Wer dennoch über all die Fehler hinwegsehen kann (oder wer den Fix von Durante installiert, dem ich übrigens jedem DRINGENDST empfehle!), der bekommt einen außergewöhnlichen Mix an Spielelementen geliefert, der seiner Zeit mal weit voraus war, der nur leider das Pech hatte, zu spät zu erscheinen. Die Actionsegemente sind seine größte Schwäche, aber das macht das Spiel mit sehr einprägsamen Charakteren und aberwitzigen Designentscheidungen wieder wett. Für manche mag es wie Trash erscheinen, für andere ist es ein Meisterwerk. Doch muss ich leider sagen: Wer Deadly Premoniton genießen möchte, dem empfiehlt sich eher ein Griff zu einer Konsolenfassung. Denn dieser PC-Port ist es nicht wert.
Good
  • Gut ausgearbeitete Charaktere
  • Interessanter Mix verschiedener Genres
  • Gute Musik
  • Die Geschichte kann durchaus fesseln
  • Ziemlich großer Umfang
Bad
  • Unterirdische Grafik
  • Extrem miese PC-Umsetzung
  • Installation von Mods fast zwingend erforderlich
  • Viele Bugs
  • Controllerunterstützung nur über Drittprogramme
  • Elend lange Ladezeiten
  • Offenbar wenig weiterer Support geplant
4.5
Schwach
Written by
Redakteur, Gamer und Filmliebhaber. Mag Indie-Spiele, die PS Vita und Indie-Spiele auf der PS Vita.

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