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Unravel Review

Mit Unravel habe ich mich mal wieder an ein Genre gewagt, das mir nicht sonderlich vertraut ist und mich in seiner Terminologie auch eigentlich nicht sonderlich anspricht: einen 2D-Puzzle-Platformer. Also eine 2D-Welt, in der ich logisch denken muss, um voranzukommen. Klingt nicht sonderlich spaßig. Aber Yarny, die Spielfigur in Unravel, ein um Draht gewickeltes Wesen aus rotem Garn mit übergroßen Augen und Ohren, sowie Martin Sahlin, Creative Director des Spiels und im Internet besser bekannt als der „Yarn Guy von der E3“, habe ich sofort ins Herz geschlossen und mich so entschieden, dem Spiel eine Chance zu geben.

2D-Puzzle-Platformer mit Herz… und Kopf

Und, wer hätte es gedacht, 2D-Puzzle-Platformer können jede Menge Spaß machen. Eigentlich hätte ich es wissen müssen, habe ich als Kind doch liebend gerne Jump’n’Runs wie Super Mario auf dem Gameboy gespielt. Im Grunde ist Unravel auch ein Jump’n’Run, nur dass Yarny neben der Fähigkeit zu Springen noch so Einiges mehr auf Lager hat.

Bestehend aus rotem Garn, über das Yarny immer mit dem roten Wollknäuel in Verbindung bleibt, aus dem er (oder sie?) entstanden ist, kann Yarny den Wollfaden benutzen, um sich von Ast zu Ast zu schwingen, um Dinge hinter sich herzuziehen, zwei Knotenpunkte miteinander verbinden, um eine Schleuder zu bauen, um sich daran abzuseilen oder wieder daran hochzuklettern. Zu diesen Fähigkeiten kommen Hindernisse in der Natur, durch die Yarny sich kämpfen muss, die zum Teil logisch gelöst werden müssen. Ist ein Hindernis zu hoch, muss Yarny etwas finden, um eine Leiter zu bauen; um nicht zu ertrinken, muss ein Floß gefunden werden; und manchmal müssen diese Hilfsmittel strategisch über mit Garn gebaute Brücken transportiert werden.

Wichtig ist hierbei, dass Yarnys Garnfaden nicht endlos ist. Stattdessen muss unterwegs immer wieder neuer Faden aufgelesen werden, damit das Abenteuer weitergehen kann. Deswegen ist es essentiell, sparsam mit dem Faden umzugehen, und häufig muss man seine Schritte zurückverfolgen, um ungünstig gelegtes Garn ökonomischer zu arrangieren, damit man es bis zur nächsten Ration Faden schafft.

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Allerdings kann die Natur nicht immer durch reine Logik besiegt werden. Manchmal spielen die Ereignisse so zusammen, dass Yarny ohne unser Einwirken durch die Luft katapultiert, von aufgeschreckten Krähen angegriffen wird oder sich geschickt von Wurzel zu Wurzel schwingen muss, um einem Nagetier zu entkommen, das sein Revier verteidigt. Manchmal gibt auch einfach der Boden unter unseren Füßen nach und Yarny muss geschickt von Stein zu Stein springen, um nicht im Wasser zu landen, was tödlich endet.

Trial-und-Error-Fail

In jedem Fall versinkt man schnell in der wunderschönen Spielwelt. Yarnys Fähigkeiten sind schnell erlernt und der graduell steigende Schwierigkeitsgrad der Level fordert uns heraus, unsere Fähigkeiten unter sich stets ändernden Bedingungen neu zu überdenken und an die jeweilige Umgebung anzupassen. Manchmal – und das passiert häufiger, je weiter man im Spiel fortschreitet – kann eine Situation allerdings nicht durch rein logisches Denken überwunden werden. Manchmal muss man einfach in die Situation hineinhüpfen und zusehen, wie Yarny zerdrückt wird, zu Tode fällt, ertrinkt, von Tieren aufgefressen oder von Krähen davongetragen wird. In anderen Worten: Man muss Yarny sterben lessen, häufig mehrmals, um eine Lösung für das Puzzle zu finden.

Trial-und-Error ist nicht unbedingt ein schlechtes System und kann Spaß machen, aber die Tatsache, dass wir Yarny, den ich zumindest wirklich direkt ins Herz geschlossen hatte, dafür opfern müssen, hat meinem Spielspaß häufig einen Dämpfer versetzt und mich unnötig frustriert. Häufig habe ich das Spiel dann einfach genervt ausgemacht (der gute alte Ragequit); Yarny ständig beim Sterben zuzusehen war etwas, was ich nicht von Unravel erwartet hatte.

Unravel Review Yarny-Upside-Down

Erinnerungen als Grundstein

Insgesamt habe ich Unravel nämlich eher als ein sehr entspannendes Spiel erlebt, was insbesondere der wunderschön inszenierten Spielwelt zu verdanken ist. Unravel entstammt einem schwedischen Entwicklerstudio und entsprechend schwingen wir uns mit Yarny durch eine nordische Landschaft in all ihrer Vielfalt. Das Spiel beginnt im Spätsommer und lotst uns in seinen etwa zehn Leveln durch Herbst und Winter, bis wir (Spoiler) am Ende im Frühling wieder erwachen. Ob mit grünen Baumkronen und saftig roten Äpfeln, goldenen Laubdächern und Laubhügeln, ob im Wald, in den Bergen oder an der See, ob brach liegende Felder oder Winterwunderland, ob Sonne, Schnee oder Regen, die Entwickler haben in Unravel wirklich etwas Wunderschönes geschaffen. Das Schöne an der Spielwelt von Unravel ist, dass sie weder extrem realistisch noch zu comichaft ist; stattdessen wirkt sie stets wie der perfekte, in einem Photo eingefangene Moment, oder wie eine Erinnerung, die alles Unschöne herausgefiltert hat, ohne sich dabei zu zensieren, sondern einfach, weil Erinnerungen nun einmal so funktionieren.

Und Erinnerungen sind genau das, worum es in Unravel geht. Yarny entsteht aus dem Wollknäul, das aus dem Weidenkorb einer alten Frau fällt, und als er auf dem Kaffeetisch der Dame zu sich kommt, ist das Photoalbum, das auf dem Tisch liegt, voller vergilbter Photos, auf denen man nichts mehr erkennen kann. So macht Yarny sich auf und taucht ein in die Erinnerungen der gerahmten Bilder, die überall im Wohnzimmer verteilt sind. Jedes gerahmte Photo stellt ein Level dar und stellt, wenn vollendet, eine komplette Erinnerung im Photoalbum wieder her. Jedes Level erzählt also eine kleine Mini-Geschichte, vereinzelte Erinnerungen der alten Dame. Sind die Kinder in den Photos ihre, oder sind es Photos aus ihrer eigenen Kindheit? Ist der Aktivist, der gegen die Umweltverschmutzung kämpft ihr Sohn oder ihr Ehemann? Und warum ist sie alleine in einem großen Haus voller Erinnerungen, schön und traurig? Unravel gibt uns keine eindeutigen Antworten auf diese Fragen, sondern lässt jedes Level für sich stehen, auch wenn eine gewisse Linie verfolgt wird: Wir starten in der Kindheit zweier Geschwister und enden mit dem Tod eines alten Mannes.

Unravel Review Yarny-Child-Memories

Unterlegt werden Yarnys Abenteuer und die Erinnerungen, die er einsammelt, von einem Soundtrack, den ich hier noch kurz erwähnen muss. Passend zur nordischen Landschaft hat das Entwicklerstudio schwedische Komponisten und Musiker engagiert, um die Musik für Unravel zu schreiben, in dem wohlgemerkt kein Wort gesprochen wird. Das Spiel arbeitet also neben dem Spaß am Jump’n’Run und dem Lösen von Puzzeln viel mit unseren bzw. den Emotionen vom Spieler. Und die ein wenig rustikale und doch sehr einfühlsame Musik arbeitet unterschwellig hervorragend mit der Spielwelt zusammen, um uns in die Spielwelt eintauchen zu lassen und Yarnys stumme Suche nach verlorenen Erinnerungen emotional auszumalen.

Unravel Review Yarny-Snow-Lantern

Unravel ist am 09. Februar 2016 für PC, PlayStation 4 und Xbox One erschienen.

 

Summary
Im Großen und Ganzen ist Unravel ein wunderbarer und kurzweiliger Zeitvertreib, der einem unauffälliger ins Herz kriecht, als zunächst erwartet. Yarny ist einfach unglaublich süß und man sieht, wie viel Liebe in die Entwicklung der Wollfigur geflossen ist. Sein kurzer stolzer Gang, wenn er neuen Faden aufsammelt, die herabhängenden Ohren, wenn er durch die verschmutzte Umwelt laufen und sich über giftige Pfützen schwingen muss; wie er zusammenzuckt, wenn es donnert; und wie er sich am Ende mit all seinen drahtigen Gliedmaßen gegen den eisigen Winterwind stemmt, sind nur einige Beispiele dafür, warum Yarny mir ans Herz gewachsen ist und warum es einfach Spaß macht, mit Yarny zu spielen.Umso mehr tut es natürlich weh, Yarny sterben zu sehen. Und dass Yarnys Tod als Teil der Spielsystematik integriert wird, um die Puzzle zu lösen, widerspricht einfach allem, worum es in Unravel eigentlich geht.In seinem Kern ist Unravel eine Geschichte darüber, was das Leben lebenswert macht: ferne, schöne Erinnerungen an unsere Kindheit, Liebe, Freundschaft, die Bande (oder wortwörtlich: der rote Wollfaden), die zusammenhalten, wer wir sind. Aber auch darüber, wie diese Bande manchmal durchtrennt werden, einfach als Teil des Lebens. Und all das, egal wie bittersüß es auch sein mag, kann zusammenkommen, um etwas Schönes hervorzubringen. Und es geht natürlich darum, Spaß zu haben. Ein Grund, warum wir alle trotz unseren erwachsenen Alters immer wieder zum Spielen zurückkehren: weil Spaß an einem Spiel zu haben etwas ist, wofür man nie zu alt wird.Und dafür, dass Unravel mich über all diese existentiellen Dinge hat nachdenken lassen, ist es ein ertaunlich kurzer Spielspaß: knapp neun Stunden habe ich gebraucht, um das Spiel gründlich durchzuspielen. Das ist für mich aber kein negativer Faktor: mit knapp 20€ liegt das Spiel weit unter den 50-60€, die neue Spiele normalerweise kosten, und die man teilweise auch schon in 10-15 Stunden durchgespielt hat.Unravel kann ich euch also nur wärmstens ans Herz legen; ich will nicht sagen, dass es sich um euer Herz wickeln wird, aber... ja, doch. Genau das wird es tun.
Good
  • Gut balanciertes Gameplay
  • Yarny
  • Wunderschöne Spielwelt
  • Geschichte
  • Soundtrack
Bad
  • Yarnys Tod durch Trial-und-Error
9
Großartig
Written by
Derzeitig keine Angaben verfügbar.

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