Shadow of the Colossus, die Dritte: Kann es auf der PS4 überzeugen?

PlayStation 4

 

Wenn man sich dazu entschließt, einen Blick auf Shadow of the Colossus als Remake auf der PS4 zu werfen, stellen sich einem in Vorhinein vermutlich zwei Fragen. 1. Brauche ich ein (Re-)Remake und 2. Wenn ich es brauche, was ist anders und neu? Dass Shadow of the Colossus in seiner Urfassung von 2005 auf der PS2 ein Meisterwerk und Klassiker ist, steht nicht zur Debatte, die Frage ist, ob die Neuauflage dem Original gerecht wird oder ihm vielleicht sogar schadet?

Alte Kolosse im neuen Outfit

Obwohl es nun über 13 Jahre her ist, als wir mit Wander, dem einsamen Helden, auf seiner Reise mit Pferd Agro in das verbotene Land Dormin reisten, um das Mädchen Mono im Tempel aus ihrer leblosen Starre zu befreien, hat das Märchen in seiner schönen und behutsamen Erzählweise auch in diesem Revival auf der PS4 nichts an seiner Wirkung verloren. Wieder geht es darum, 16 Kolosse zu bezwingen, die verschollen in dem vereinsamten Land leben, um die Macht zu erhalten, Tote wieder zum Leben zu erwecken und Mono zu retten. Am Grundgerüst der Story hat sich demnach nichts geändert. Zum Glück ist dieser dünne Story-Rahmen mit für die dichte Atmosphäre von Shadow of the Colossus verantwortlich.

Und ja, dass sei vorweg genommen, obwohl wir bereits 2011 auf der PS3 in einer HD-Fassung in der ersten Neuauflage gegen die Kolosse antreten durften, funktioniert es wieder in der 2018er Variante. Es ist und bleibt immer noch ein intensives, berauschendes Gefühl, die Kolosse zu besteigen und mit den entsprechenden Tricks zur Strecke zu bringen. Das ist so dahingesagt, aber … Hallo? Das Spiel ist 13 (!) Jahre alt und jeder, der einen Hauch Ahnung von Gaming hat, wird das Phänomen Shadow of the Colossus auf irgendeine Weise mitbekommen oder sogar selbst gespielt haben. Umso fragwürdiger ist es, wie dieses Remake nach dem Remake bei den Fans ankommen würde? Denn das Problem ist, wie man es denn allen recht machen könnte. Die einen wollen bitte das Original-Flair aus dem Original von Developer Fumito Ueda so gut wie möglich auch im neuen Spiel haben, andere wiederum wünschen sich vielleicht auch Mal frischen Wind in die angestaubte Materie.

Das Ganze war also mehr als unsicher, aber Bluepoint Games, die Chef-Chirurgen bei Sony für Neuauflagen, haben den Akrobat-Akt geschafft: Eine Balance aus dem Gefühl des Originalspiels aufrecht zu halten und zugleich behutsam alles ins grafische PS4 Zeitalter zu pushen. Shadow of the Colossus glänzt auf der PS4 in nie geahnter Schönheit, bisweilen hat man das Gefühl, dass die technischen Limitierung der PS2 nun endlich durchbrochen worden ist und ICOs Traum vom Kolossen-Stürzen nun vollends wahr geworden ist.

Ein Game, die Gemeinde zu spalten …

Ob alt oder neu, Shadow of the Colossus hat stets einen Keil zwischen die Gamer getrieben. Entweder man liebt oder hasst es. Ich glaube mir ist noch kein Game unter gekommen, dass so sehr Gamer entzwei gerissen hat. Für die einen bedeutet die riesige, karge Welt, in welcher die Kolosse die einzige Möglichkeit zur Interaktion bilden, eine beengende, ja geradezu minimalistische Design-Kunst auf das Wesentliche. Gerade das Fokussieren auf die wichtigsten Spiel-Elemente, dem Kolossen-Kampf, umrahmt von der Geschichte aus Liebe und Tod, hat für viele Fans die dichte, ja geradezu deprimierende Stimmung ausgemacht, die damals und heute in der Gameswelt so einzigartig gewesen ist.

Viel wurde in das Game hinein interpretiert, ja es schwirrt gar in philosophischen Abhandlungen und literaturwissenschaftlichen Seminaren umher. Der Minimalismus ist schon angeklungen, Wanders Abenteuer kann man auch als die berühmte Heldenreise wieder erkennen, da gibt es noch die Archetypen aus Hell und Dunkel oder die kuriose Beziehung des Helden zu den Kolossen, die entgegen aller Erwartung bei vielen Gamern beim Töten Mitleid erregen – das alles und mehr ist bis heute in Foren und Gametalks beliebt.

Andere Stimmen kommen da viel schneller zum Punkt: In Shadow of the Colossus würde schlicht gar nichts passieren. Viele sehen das Game als überdrehten Hype an, bei dem das Spiel außer 16 Kolosse killen einfach kein weiteres Spielelement zu bieten habe. Klarerweise werden jene, die bereits damals mit dem Original-Spiel wenig Freude hatten, auch mit der Neuauflage nicht glücklich werden. Denn eine grafische Verjüngungskur wird für jene Gamer nicht ausreichen, Shadow of the Colossus in einem neuen Licht erscheinen zu lassen. Liebhaber dürfen sich dagegen auf „ihr“ Spiel im prächtigen Grafik-Gewand freuen.

Allein der Tempel von Dormin ist eine Augenweide und wenn man mit Agro durch Steppen und Gras dahin jagt, während der Wind um einen weht, dann lässt einem das die Kolossenjagd schnell vergessen, da man allein mit Beschauen der Welt beschäftigt ist. Toll designte Wälder, großartig dahinfließendes Wasser und noch viel mehr Details werden einem einige „Ahs“ und „Ohs“ entlocken. Und doch hat Bluepoint Games keinen bunten Karneval veranstaltet und das Game sanft verschönert. Das Gefühl von unendlicher Leere und Verlorenheit bleibt auch im neuen Shadow of the Colossus erhalten.

SHADOW-OF-THE-COLOSSUS™_20180222230601  Shadow of the Colossus Review

Das Leidwesen mit der Steuerung

Hervorgehoben aus der rein grafischen Verjüngungskur sind die Kampfsituationen gegen die Kolosse. Dank neuer Animationen der 16 Riesen wirkt alles viel geschmeidiger und dramatischer, falls man beispielsweise droht, abgeworfen zu werden. Schlussendlich wirken die dahin trottenden Kerle nicht mehr nur wie riesige Wände, die es hinauf zu klettern gilt, sondern lebendiger als je zuvor. Man kann jetzt ganz fies sein und sagen, dass das Shadow of the Colossus Remake so gut in seiner Aufbereitung auf der PS4 ist, dass sogar die unausgereifte Steuerung samt der Kamera beibehalten wurde. Denn ja, trotz der zweiten Neuauflage auf einer anderen Konsole ist die Kolossenjagd auch auf der PS4 in punkto Steuerung kein Deut besser als seine Vorgänger. Immer wieder gehen Sprünge fehl, man verliert den Halt oder die Kamera macht einem einen Strich durch die Rechnung, wenn man eine Wand hoch klettert und abspringen will. Hier hätte man auf den frustrierenden Nostalgie-Effekt gerne verzichten können.

Fazit

Die Operation aus „Alt-mach-Neu“ ist gelungen. Es gibt Spiele, die kann man einfach immer wieder spielen, wenn sie im Kern ihre Besonderheit und den Spielwitz behalten. Das gilt auch für das Shadow of the Colossus Remake. Bluepoint Games hat die Kolossenjagd mit all ihrer Besonderheit behutsam in ein neues grafisches Gewand gehüllt, ohne das ursprüngliche Gefühl des Originals zu verlieren. Mehr noch, auch in der dritten Auflage ist jede Begegnung mit einem Koloss stets ein erhabenes Gefühl, als würde man diesem zum ersten Mal gegenüber stehen. Natürlich herrscht hier auch eine große Portion Nostalgie-Bonus alter Fans vor, die sich an ihrem Liebling erfreuen, weil sie vieles wieder erkennen und in grafischer Aufhübschung wieder erleben können. Auf Nicht-Kenner des Originals kann Shadow of the Colossus mitunter jedoch befremdlich wirken.

Wenn man ein Game über zwei Konsolen-Generationen hinweg auf die neueste Plattform holt, kann dessen Ursprung nicht einfach unkenntlich gemacht werden. Während die PS2-Konsole damals einfach nicht mehr Open World darstellen konnte, kann sich ein jüngere Gamer fragen, wieso solch eine schöne Open World auf der PS4 denn so leer ist? Natürlich lässt sich diese Leere wieder als beibehaltene Nostalgie und sogar als Teil des Spielgefühls verbuchen. Ein Punkt bei dem die meisten sich wohl einig sein werden, ist die immer noch unausgereifte Steuerung. Aber vielleicht klappt dies ja dann auf der PS5? Die Fans wären sicher erneut dabei.

Shadow of the Colossus erschien auf der PS4 und ist seit 14. Februar 2018 erhältlich.

Good

  • Nostalgie pur
  • Behutsames grafisches Update
  • Spielgefühl des Originals bleibt erhalten

Bad

  • Keine wirklichen Neuerungen
  • Steuerung und Kamera nach wie vor eine Qual
9

Großartig

Gamingnerd und Filmjunkie. Angefangen hat die Videospiel-Reise mit NES und Gameboy, seither der Gameswelt verfallen. Filme und Serien sind seine Passion seit er selbstständig den Fernseher bedienen konnte. Besitzt eine Affinität zu allen Technik-Innovationen und nerdigen Trends.

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