Seven: The Days Long Gone - Stealth und Cyberpunk meets Rollenspiel

PC PlayStation 4

 

   

Es war einmal die Zeit großer Isometrischer Rollenspiele. Damals vor vielen, vielen Jahren führte uns ein Baldur’s Gate in ungeahnte Gefilde, ein Fallout revolutionierte das Endweltszenario in der Spielwelt und ein Diablo bewies, dass man Rollenspiel auch mit Action verbinden konnte. Nun macht sich ein neuer Vertreter der alten Kunst auf, die Festplatten zu erobern. Seven: The Days Long Gone ist ein kurioser Mix aus Cyberpunk, Stealth und Fantasy. Kann das funktionieren?

Die Befürchtung vieler Fans war groß bei Seven: The Days Long Gone, einem Machwerk von dem kleinen Entwicklerstudio Fool’s Theory, bei dem viele ehemalige Witcher 3 Macher an Bord sind. Kann solch eine wilde Mischung aufgehen? Ein RPG wie früher, ein Held, der Schleicher Garrett aus Thief nach empfunden ist, eine Endzeitwelt, die mit ihrer düsteren Neo-Reklame an Blade Runner und ihrer dystopischen Stimmung an Shadowrunner erinnert und das alles abgerundet mit Dämonen und Magie. Kurz gesagt: Ja, das Ganze funktioniert besser als erwartet und beschert geneigtem Rollenspieler wohl die Indie-Game Überraschung des Jahres 2017.

Garrett, bist du’s?

Während viele Triple AAA Games auf Bombast-Effekte und einer Introsequenz im Stile von Hollywood setzen, um den Spieler umzuhauen, schafft es Seven durch die Devise „Weniger ist Mehr“ den Spieler behutsam aber intensiv für sich und seine Welt zu gewinnen. Die düstere Stimmung wird im Intro durch dunkle Bildern getragen, bei der eine exzellente Stimme (Englisch) die Vorgeschichte erzählt. Wo die Story zunächst ein Gähnen hervorrufen könnte (Welt am Abgrund nach totalen Krieg, Überlebende bauen sich Welt wieder auf), entwickelt diese sich im Spielverlauf zu einer intensiven Cyberpunk-Opera.

Demnach hat ein letzter Prophet namens Drugun aus den Trümmern dieser Welt eine neue Zivilisation erschaffen, nachdem die Altvorderen, die vorherige Menschheit mit hohem technischen Know-How, den Krieg gegen die Dämonen verloren hat. In seiner technokratischen Diktatur kontrolliert Drugun alles und jeden, drei Gruppierungen sind dabei seine ergebenen Soldaten. Die an Transhumanisten erinnernden Technomagier, die auf Biomechanik spezialisierten Biomanten sowie die Mitglieder der sogenannten Letargia, die sich dem Ziel gewidmet haben, Artefakte der alten Zeit aufzuspüren.

In dieser Welt lebt Teriel und wie im Spielverlauf recht schnell deutlich wird, ist dem Meisterdieb das ganze Politische in seiner Welt völlig schnurz egal. Er lebt von Tag zu Tag, von Raub zu Raub und kümmert sich nur um sich selbst. Nicht nur äußerlich wird spätestens jetzt jedem Gamer klar, dass hier fast überdeutlich Bezüge zu Thiefs Garrett genommen wird. Auch das Stealth-Gameplay, selbst in der Iso-Perspektive, erinnert stark an den Meisterdieb von 1998. Aber mehr noch erinnert die Spielweise an einen anderen Stealth-Vertreter, dem vielleicht dem ein oder anderen älteren Gamer noch ein Begriff ist. In Commandos, einem Echtzeit-Taktik-Spiel, steuerte man gleich eine ganze Gruppe an Spezialeinheiten im Zweiten Weltkrieg und hatte vor allem damit zu tun, nicht entdeckt zu werden.

Ein Stealth-Rollenspiel?

Fool’s Theory hat sich demnach ordentlich von anderen Medien inspirieren lassen. Wie Garrett ist Teriel Mitglied einer Diebesgilde und treibt in der Stadt Hallard, dem Zentrum von Druguns Vertrall Imperium, sein Unwesen. Bis er plötzlich bei einer gewöhnlichen Raubaktion von einem Dämon namens Artanak besessen und damit sein Diebesleben komplett auf den Kopf gestellt wird. Er landet auf der Gefängnis-Insel Peh und der Dämon fordert ihn auf, ihm zu helfen, eine Verschwörung aufzudecken. Altes Diebesleben ade, Hallo Chaos!, möchte man sagen.

Schnell wird einem im Spielverlauf klar, dass den Entwicklern etwas gelungen ist, was mitunter die Langzeitmotivation hoch hält: Starke NPCs, die einem durch die Dialoge näher gebracht werden und die für Atmosphäre sorgen. In Seven ist das vor allem der Dämon Artanak. Die Gespräche mit Teriel sind an Humor und Gewitztheit kaum zu überbieten, Freunde von Ironie und bittersüßen Sarkasmus werden viel Freude mit den beiden haben. Ein Lob sei an dieser Stelle der deutschen Übersetzung gegeben. Zwar sind die Dialoge in Englisch gehalten, doch die Übersetzungen sind durchgehend fehlerfrei. Auch Texte, welche die Hintergründe zur Welt, den Gruppen, Gegenständen und Figuren liefern, sind gut umgesetzt.

Im Kern ist Seven ein Open World Rollenspiel. Als eben solches hat es neben der Hauptstory einen Sack voll Quests und noch mehr Orte zu bieten, die nur darauf warten, erkundet zu werden. In guter RPG-Manier ist Teriel dabei auch frei, zu tun und zu lassen, was er will. Im Unterschied zu den Iso-RPGs vergangener Tage kann unser Langfinger sich jedoch noch freier als je zuvor bewegen, nämlich vertikal! Auf Gebäude, Gerüste und Plattformen klettern, alles möglich und auch erforderlich, um weiter zu kommen.

20171205232323_1  Seven: The Days Long Gone Review

Gestalte dir deinen Meisterdieb

In punkto Charaktergestaltung wird man bei Seven aber etwas vorsichtig, was den Begriff RPG angeht. Denn Seven gibt von Anfang an vor, dass Teriel ein Dieb ist. Und damit ist er arg in seine Rolle geprägt. Der Spieler wird aus Teriel niemals einen Feuermagier, Waldläufer oder Barbaren zusammenbauen können. Ungeachtet dessen lässt einem das Spiel viel Kreativität beim Gestalten seines Meisterdiebs. Über Pläne, die wir in der Welt finden, lassen sich Fertigkeiten im Gehirn freischalten, das Ganze erinnert stark an die Augmentationen aus Deus Ex. Auch bei der Waffen- und Rüstungswahl bestimmt die Rolle des Diebes die Möglichkeiten mit. Zwar versucht Fool’s Theorym einem Freiheit vorzugaukeln, indem man schwere Waffen wie Äxte und Rüstungen anziehen kann. Doch spätestens im weiteren Spielverlauf wird jedem klar, dass die direkte Haudrauf-Technik eines Diablo in Seven nur zu einem schnellen Tod führt, da die Gegner, vor allem in Gruppen, echte Brocken sind. Es ist nicht möglich, aus Teriel einen Rambo zu machen, Seven ist ein Stealth-Spiel. Und wer mit einem solchen weniger anzufangen weiß, sollte sich einen Kauf zweimal überlegen.

Neben der Charakterentwicklung, merkt man vor allem in der Welt selbst, dass sie auf Dieb getrimmt ist. Die Level, ihr Aufbau mit Unterschlüpfen und verborgenen Zugängen, die Möglichkeit zu Stehlen oder sich als Gegner zu verkleiden, um unerkannt zu agieren, dass alles stammt aus dem Stealth-Metier und ist auf die isometrische Perspektive angepasst worden. Es wundert demnach auch wenig, dass auch das Gameplay an typische Stealth-Vertreter wie Splinter Cell, Hitman oder Metal Gear Solid erinnert. Nicht entdeckt werden, Gegner-Routen lernen und von hinten zuschlagen. Dabei bieten sich uns viele Möglichkeiten, die Feinde auszumerzen. Entweder von hinten erdolchen, eine Attacke von oben, mit der Armbrust aus dem Hinterhalt schießen oder eine Falle legen. Sollten wir einmal entdeckt werden, können wir zur Seite hechten und Spezial-Combos ausführen. Und wenn alles nichts hilft, können wir auch einfach davon rennen. Größtes Manko des Spiels ist die Steuerung. Man wird das Gefühl nicht los, dass das Game auf PlaySation 4 gemünzt ist, auf PC geschieht es des Öfteren, dass man in der Hitze des Gefechts nicht schnell genug reagieren kann. Unsere größten Freunde im Spiel sind nicht nur die extrem günstig verteilten Büsche, in denen wir quasi unsichtbar sind, sondern der ungemein nützliche Sinnesmodus, der uns jegliche Infos, über Feinde, Kisten und mehr Auskunft gibt.

20171205231625_1  Seven: The Days Long Gone Review

Für mich das absolute Highlight des Spiels, ist die Welt an sich. Seven tritt den Beweis an, dass keine High-End Grafik von Nöten ist, um wirkungsvolle Atmosphäre zu erzeugen. Im Gegenteil. Die triste, düstere Endzeitwelt mit futuristischen Technik-Einlagen wird in einem höchst sehenswerten Comic-Stil präsentiert, der samt der gut inszenierten NPCs einen besonderen Eindruck hinterlässt und zum Spielgefühl passt. Auch der Rest des Spiels, die Menüführung, das Inventar, das Tagebuch und die Einträge in den Erinnerungen, die viele Details zur Welt offenbaren, harmonieren als Ganzes und wirken wie aus einem Guss.

Fazit

Wer 2017 bereits als abgehakt angesehen hat, der sollte sich dringend Seven: The Days Long Gone ansehen. Ein Rollenspiel der alten Schule, gemixt mit Stealth- und Cyperunk-Elementen, in einer wunderbar düsteren und riesigen Open-World. Der Mix mag vielleicht nicht immer komplett aufgehen, aber bringt es auf alle Fälle frischen Wind in die Gameswelt. Das Setting, ihre Figuren, die Geschichte, die starken Dialoge der Hauptfiguren, das alles macht ein gutes Rollenspiel aus – wenn man der Meinung ist, Seven als ein solches anzuerkennen. Streng genommen würde ich Seven eher als Stealth-Rollenspiel bezeichnen, da die Rolle als Teriel Meisterdieb trotz der gutgemeinten Freiheitsoptionen der Entwickler doch festgelegt ist. Wer mit Schleichern und Dieben wenig am Hut hat, sollte bei Seven vielleicht zweimal schauen, wer sowieso Stealth-Fan ist, wird seinen Spaß haben.

Seven: The Days Long Gone erscheint auf PC und Playstation 4.

Good

  • Einzigartige Atmosphäre mit Cyberpunk und Endzeitstimmung
  • Schön inszenierte Welt im Comic-Stil
  • Langzeitmotivation

Bad

  • Träge Steuerung
  • Möglichkeiten der Charaktererstellung eingeschränkt
8

Sehr gut

Gamingnerd und Filmjunkie. Angefangen hat die Videospiel-Reise mit NES und Gameboy, seither der Gameswelt verfallen. Filme und Serien sind seine Passion seit er selbstständig den Fernseher bedienen konnte. Besitzt eine Affinität zu allen Technik-Innovationen und nerdigen Trends.

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