Ride to Hell: Retribution im Test

PC PlayStation 3 Xbox 360

 

Im Jahre 2008 hatte Publisher Deep Silver große Hoffnungen gemacht: Mit Ride to Hell sollte ein neues Open World-Spiel kommen, das in einer Biker-Umgebung in den 60er Jahren spielen sollte. Mit seinem Motorrad sollte man in der Lage sein, eine große und frei begehbare Landschaft befahren zu können. Doch dann hörte man lange nichts mehr, bis das Spiel 2009 eingestellt wurde. Nun kehrt Ride to Hell aus der Versenkung zurück.  Es stellt sich natürlich die Frage: Was ist von den Versprechen geblieben?  Eines jedenfalls ist klar: Ride to Hell: Retribution wird in die Geschichte eingehen – nur leider auf eine völlig andere Art und Weise, als man es sich erhofft hatte…

Eine Familiengeschichte – oder was man so nennen kann

Jake Conway kehrt nach 2 Touren durch den vietnamesischen Dschungel zurück in die Staaten zu seinem Bruder Mikey und seinem Onkel Mack. Zwar erhofft sich der Veteran etwas Frieden, doch als sein Bruder am selben Abend von Schlägern der Motorrad-Gang Devil’s Hand ermordet wird, sinnt Jake auf Rache – und knöpft sich jedes Mitglied einzeln vor.

Der Plot zu Ride to Hell: Retribution kann in diesen 2 Sätzen zusammengefasst werden, was in etwa die Tiefe der Gesichte erahnen lässt. Doch statt kreativ mit geschickten Mitteln etwas darauf aufzubauen, dümpelt die ganze Handlung einfach vor sich hin. Mehr noch: Durch eine absolut grauenvolle, zusammenhanglose Erzählweise wird auch das letzte Quäntchen aus dem Ansatz heraus gesogen. Und so hart es auch klingt: Die in jeder Weise vermasselte Geschichte ist das geringste Problem von Ride to Hell: Retribution. Denn die wahren Probleme beginnen erst, wenn man erst mal anfängt zu spielen.

Ride-to-Hell-Header  Ride to Hell: Retribution im Test

Mein Motorrad, mein Messer, mein Smartph…äh, Walkie-Talkie

Gameplay-mäßig lässt sich das Spiel in drei Abschnitte einteilen: Faustkampf-Abschnitte, Schußwaffen-Segmente und Fahrten mit dem Bike. Normalerweise beginnt eine Mission meist mit einer Motorradfahrt, geht in eines der Kampfsegmente über und mixt zwischendurch weitere Fahrten mit ein, bis man am Ende einen Boss bekämpft. Am ‘besten’ gelungen ist hierbei noch der Faustkampf, der zumindest ein paar Ansätze von durchdachtem Gameplay erahnen lässt: Man schlägt mit der X-Taste, durchbricht gegnerische Blocks mit Quadrat und blockt selbst mit Dreieck. Hat man genug Energie aufgebaut, kann man einen Wut-Modus starten, in dem man einen Gegner durch ein Quick-Time-Event sofort erledigen kann.

Was aber auf den ersten Blick interessant klingt, endet leider mit purem Button-Mashing, weil keiner der Gegner ein bestimmtes Muster erkennen lässt. Zwar gibt es kaufbare Moves, mit denen man sein Kampfverhalten variieren kann, doch durch eine fragwürdige Kollisionsabfrage verfehlen sie häufig ihr Ziel. Am Ende ist man einfacher damit bedient, irgendwelche Knöpfe zu drücken in der Hoffnung, dass der Gegner schneller am Boden liegt als man selbst. Es hilft nicht unbedingt. dass es einen ganzen Level gibt, in dem man nichts anderes macht als in einem Boxkampf gegen mehrere Minibosse hintereinander antreten zu müssen, die weitaus mehr Schaden einstecken können als normale Gegner, nur um dann am Ende einen echten Boss ebenfalls mit Fäusten zu bekämpfen. Völlig abgesehen davon sind die Wut-Kills nicht sehr variabel. Denn häufig geht Jake durch die exakt selbe Animation hintereinander, egal welche Taste man drücken soll.

Schusswaffen orientieren sich an modernen First Person- und Third Person-Shooter, in denen man häufig maximal 2 Waffen tragen kann. Man bekommt eine Auswahl aus dem üblichen Arsenal wie Pistolen verschiedener Kaliber, halb und vollautomatische Gewehre sowie Schrotflinten und Explosivwaffen. Neue Waffen können beim Händler erworben werden. Oft sind sie aber auch temporär in Missionen einsetzbar, wenn sie im Level platziert sind. Aber auch hier schafft es Ride to Hell: Retibution zahlreiche Fehler zu machen. So gibt es zwar ein Deckungs-System (einen Bonuspunkt gibt es hierbei für zerstörbare Hindernisse), aber deren Einsatz ist gelinde gesagt sinnlos, weil man sich in der Deckung nicht mehr richtig bewegen kann. Das Spiel entscheidet selbst, wie weit man gehen darf und wann man die Deckung mit Hilfe eines absolut lachhaften Rollmanövers wechseln muss. Und häufig schießt man von der Deckung aus in seine eigene Deckung hinein und zerstört sie damit schneller als Gegner jemals dazu in der Lage wären. Denn wie sollte man es anders erwarten: Die Künstliche Intelligenz der Gegner ist nicht vorhanden. Oft schießen sie blind in die Gegend, bleiben an Hindernissen hängen oder versuchen den Spieler in Faustkämpfe zu verwickeln, obwohl der mit einer Waffe auf sie zielt und sie mit ein paar Schüssen auf die Matte schickt. Dabei stürmen sie blindlings auf einen zu und denken nicht einmal dran, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen. Das Spiel kompensiert dies, in dem es größere Gegner mit Hockeymasken auf einen hetzt, die locker 4 komplette Magazine an Munition einstecken können. Dabei offenbart sich auch, dass die Waffen nicht nur gleich klingen sondern es nahezu Null Unterschiede zwischen ihnen gibt.

Dieser Mix aus Nahkampf und Schusswaffen kann funktionieren (das bewies Naughty Dog  schon in Uncharted), aber hier ist es ein nicht zu Ende gedachter Prozess. Und das schlimmste dabei ist: So krude, unausgegoren und hirnlos das Kampfsystem ist – es kommt nicht mal im Entferntesten an die Fahrsequenzen oder die “Sex-Szenen” heran.

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Die tollkühnen Hallodris in ihren fliegenden Kisten

Man sollte eigentlich annehmen, dass Eutechnyx angesichts ihrer Vergangenheit mit Rennspielen (diverse NASCAR-Titel, Cartoon Network Racing, 007 Racing…) wenigstens es hinbekommen sollten, eine anständige Gameplay-Umgebung für ein Motorrad zu schaffen. Doch das Ergebnis ist das mit weitem Abstand sinnloseste aller Spielelemente in Ride to Hell: Retribution. So wird einem die offene Welt auf dem Motorrad nur vorgegauckelt. Man fährt stur eine festgelegte Strecke gerade aus. Kurven, Erhebungen – alles ist festgelegt und wenn man sie einmal passiert hat, darf man nicht mal den Rückwärtsgang einlegen. Auch wenn man gegen ein Hindernis stößt, darf man seinen Kurs nicht korrigieren. Stattdessen wird man automatisch hinter das Hindernis versetzt.

Am schwersten wiegt aber eindeutig die Frage: Warum? Warum sitzt man eigentlich auf dem Motorrad und fährt wie auf Schienen eine Strecke entlang, auf die man nicht den geringsten Einfluss hat? Ja, es gibt ein paar sammelbare Spielkarten und den ein oder anderen Gegner darf man dank eines QTE ausschalten (ebenfalls wieder wie bei den Wutangriffen mit immerwährend wiederholenden Animationen), aber damit hat es sich auch schon. Der Grund, wieso diese Segmente existieren, die andere Videospiele in Zwischensequenzen abhandeln: Sie strecken die Spielzeit künstlich. Mehr nicht. Ach ja, und sie könnten dazu dienen, den einzigen Aspekt aufzuzeigen, der Eutechnyx gelungen ist: Die vielen kosmetischen Details, mit denen man sein Motorrad gestalten kann. So schön es aber auch sein mag, so verdeckt die Kosmetik nicht die unterirdische Technik darunter.

Und dabei steuert sich das Bike sogar noch ganz gut. Richtig übel wird es erst, wenn man an einer Stelle im Spiel einen LKW kontrolliert. Der legt wiederum die mit weitem Abstand schlechteste Fahrphysik an den Tag, die man sich für einen LKW überhaupt vorstellen kann. Etwas, was ich seit Big Rigs: Over the Road Racing nicht mehr gesehen habe. Es fühlt sich mehr an, als hätte Eutechnyx die Physik des Bikes einfach auf einen LKW kopiert – und statt sie anzupassen, wie es sich gehört, ihn stattdessen lieber auf ein paar Seifenkisten gelegt.

Weiter oben schrieb ich Sex-Szenen ganz bewusst in Anführungszeichen, denn sie sind meiner Meinung nach der absolute Gipfel der Unfreiwilligkeit und – leider Gottes – auch das einzige, was wenigstens für ein paar Minuten herzhaftes Lachen gut ist: Jake trifft während des Spiels auf Frauen, die von ihm gerettet werden wollen und die sich anschließend in Form von Sex bei ihm erkenntlich zeigen. Nur haben alle Beteiligten dabei ihre Klamotten an, was auf fehlende Charaktermodelle hinweist. Die Animationen sind zudem auf einem Grad unrealistisch, wie ich sie noch nie zuvor in einem Spiel gesehen habe. Als ob sich ein Grundschüler vorstellt, wie seine Eltern Sex haben.

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Ein ganz neuer Grad der Schlechtigkeit

Als ob all das noch nicht genug wäre, so erweist sich die Präsentation als eine einzige Katastrophe. Das fängt schon bei der Grafik an, die wirkt, als sei sie auf der vorhergehenden Konsolengeneration entworfen worden. Sogar 2009, als das ursprüngliche Spiel eingestellt wurde, hätte das schon verheerend ausgesehen. 2013 jedoch ist das absolut inakzeptabel. Nicht einmal als technisch gut umgesetzt kann man sie bezeichnen, weil es ständig zu massivsten Rucklern und massenhaft Screen-Tearing kommt. Die wenigen, meist braunen Farben, fangen nach einiger Zeit an, dem Auge weh zu tun.

Die Soundkulisse ist nur wenig gelungener. Der im Vorfeld beworbene Soundtrack erweist sich als Schuss in den Ofen, abgesehen von dem Titellied der Rival Sons. Irgendwie muss das auch den Entwicklern aufgefallen sein, denn sie verwenden ihn mehrmals während des Spielverlaufs, so dass der Song sich immens abnutzt. Die restlichen Melodien sind allesamt drittklassige Rock- und Blues-Stücke ohne jeden Zusammenhang, die sich immer und immer wieder wiederholen. Nicht mal einen anständigen Übergang gibt es. Ist das Lied zu Ende, fängt es nach kurzer Pause einfach von vorne an.

Soundeffekte? Gibt es alle Jubeljahre mal. Während des Spielen traf ich auf mehrere Stellen, in denen schlichtweg Soundeffekte gefehlt haben. Man hörte absolut nichts. Und selbst für das billigste Flash-Spiel wäre so was unmöglich zu bewerkstelligen.

Die Sprecher nuscheln in grandios erbärmlichen Dialekten ihre Sätze herunter. Oftmals fragt man sich, ob man sich überhaupt Mühe gemacht hat, eigens Sprecher anzuheuern – oder ob in der Mittagspause nur mal schnell die Mitarbeiter vor die Konsolen-Headsets gezerrt wurden.

FAZIT: Nie war der Titel eines Spiels passender gewählt

Ride to Hell: Retribution ist erstaunlich. Absolut erstaunlich. Auf der aktuellen Konsolengeneration habe ich schon viele wirklich schlechte Spiele erlebt. Aber Ride to Hell: Retribution unterbietet sie alle. Es liegt auf einem ganz eigenem Level der Schlechtigkeit. Wann immer man denkt, man hätte schon alles gesehen, kommt Ride to Hell daher und schlägt einen weiteren tiefen Riss in die Magengrube. Es ist das Equivalent eines ewig andauernden Tritts in die Leistengegend.

Ich konnte es nicht abschließen. Mein Verstand war drauf und dran sich zu verabschieden. Und man kann nur hoffen, dass Deep Silver keinen Versuch unternimmt, irgendwas von diesem Spiel wiederzubeleben.

Ride to Hell: Retribution wird in die Geschichte eingehen als das möglicherweise schlechteste Action-Adventure-Spiel dieser Konsolengeneration. Möge Gott seiner Seele gnädig sein.

Anmerkungen:
Getestet wurde die Playstation 3-Version. Es ist außerdem verfügbar auf PC und Xbox 360.

Good

  • Viele Anpassungsmöglichkeiten für das Motorrad
  • Stimmiger Titelsong

Bad

  • Zusammenhanglose und nichtssagende Story
  • Missratene Steuerung
  • Hoffnungslos veraltete Grafik
  • Dumme KI
  • Verbuggt
  • Eintönige restliche Musik
  • Fünftklassige Sprecher
  • An die Wand gefahrenes Kampfsystem
  • Unnötiges Renn-Gameplay
  • Unfreiwillig komische Sex-Szenen
2

Schlecht

Redakteur, Gamer und Filmliebhaber. Mag Indie-Spiele, die PS Vita und Indie-Spiele auf der PS Vita.

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