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Mittelerde: Mordors Schatten Review

Ein Geist, sie zu knechten

Waldläufer Talion aus dem Königreich Gondor ist Hauptmann am Schwarzen Tor von Mordor. Dort soll er mit seinen Männern Wache schieben, um sein Königreich vor den Streitkräften des dunklen Herrschers Sauron zu schützen. Eines Nachts wird die Garnison überrannt. Vor seinen Augen werden seine Frau und sein Sohn geopfert und auch er hätte sterben sollen – doch das Schicksal entschied sich um. Im letzten Moment wird Talions Körper von einem untoten Elbenfürsten übernommen. Dieser kennt seine Identität nicht und kann sich auch sonst an nichts mehr erinnern, hofft aber, mit Talions Hilfe Antworten zu erhalten und verschafft ihm zur Unterstützung übernatürliche Kräfte.

Diese Vorgeschichte ist Teil des Prologes, in dem man grundlegende Manöver gezeigt bekommt. Doch die Handlung selbst setzt mehrere Wochen später an. Talion und sein geisterhafter Begleiter haben sich bereits einen gewissen Namen unter den Orks von Udûn machen können. Jetzt geht es darum, Rache an den Männern zu nehmen, die den Angriff auf das Schwarze Tor angeführt haben. Doch dafür ist viel Arbeit notwendig. Wir begleiten Talion also auf seinem Weg, nicht nur den Tod seiner Familie zu rächen sondern auch die in Mordor eingesperrten Sklaven zu befreien. Unterstützung enthält er von einem extrem naiven Ork namens Ratbag. Talion zwingt ihn auf seine Seite und will ihm den Weg hoch in der Kommandostruktur von Saurons Armee bahnen. In führender Position soll Ratbag die wichtigste Spionagearbeit für ihn erledigen, während die Sklaven sich unter Talions ehemaligen Gefolgsmann (und späterem Deserteur) Hirgon sammeln sollen.

Obwohl die Charaktere sich Mühe geben, es so authentisch wie möglich wirken zu lassen, so ist die Verbindung mit dem restlichen Universum der Filme bestenfalls marginal. Mit zwei kleinen Ausnahmen spielt keiner der wirklich bekannten Charaktere eine große Rolle – und selbst diese Parts wirken ein wenig aufgesetzt. Was nicht heißen soll, dass alles erfunden ist. Mordors Schatten steckt bis zum Rand voll mit Informationen über die Welt, das Leben und die Völker Mittelerdes und besonders atmosphärisch wird es darüber hinaus, dass Talion jeden gefundenen Sammelgegenstand mit seinem Partner diskutiert. Oftmals werden bei ihren Gesprächen auch berühmte Zitate anderer Charaktere zweckentfremdet. Es lohnt sich also aufzupassen. Die Hauptstory selbst lässt große Details aber vermissen. Nebencharaktere sind schlecht bis gar nicht ausgearbeitet und die Geschichte hat extrem starke Probleme damit sich an ein Tempo anzugleichen. Das äußert sich in einen extrem trägen Beginn und endet mit einem völlig abrupten Finale. Hilfreich ist deswegen, wenn man sich erst eine Weile auf die Nebenmissionen stürzt – und die sind dank einer bahnbrechenden Idee wirklich abwechslungsreich.

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Die Mehrzahl von Nemesis

Talions Abenteuer beginnt auf der Spitze eines Schmiedeturms. Diese Türme sind über ganz Mordor verteilt und dienen als Schnellreisestationen. Bewaffnet ist er mit drei Waffen, die er auch am Ende des Spiels immer noch besitzt: Sein Schwert, einen geisterhaften elbischen Langbogen und das zerbrochene Schwert seines Sohnes, das er als Dolch verwendet. Anstatt neue Ausrüstung zu sammeln wird die Kraft der Waffen und seines Charakters mit Hilfe von Runen verstärkt. Diese sammelt man für das Erledigen mächtiger Hauptmänner und Kommandanten von Saurons Uruk-Armee. Hier kommt eine der besten Ideen dieses Spiels zur Geltung: Das Nemesis-System.

Wenn ein normaler Gegner es schafft, Talion zu töten, erhält er eine Beförderung zum Hauptmann. Als solcher verfügt er über Befehlsgewalt über eigene Orks und wird außerdem um einiges schwerer zu töten. Um sich den Weg zu seinem Ableben etwas leichter zu machen, muss Talion sich Informationen über ihre Stärken und Schwächen verschaffen, die er von sogenannten „Würmern“ in Saurons Armee erhält. Sein elbischer Begleiter erlaubt es ihm, in die Gedanken eines Orks einzudringen und ihn zu zwingen, Informationen preiszugeben. So lernt man die Positionen, die Merkmale und Schwachstellen seines Gegners kennen und kann sich eine Taktik ausarbeiten. Denn Hauptmänner können noch weiter aufsteigen, wodurch sie immer stärker werden und schwerer zu bezwingen sind – bis in die höchste Position des Kriegshäuptlings. Von denen gibt es immer nur fünf Stück gleichzeitig und jeder von ihnen lässt sich von einer Gruppe Hauptmänner beschützen

Was die Uruks so besonders macht: Einmal generierte Hauptmänner erinnern sich an frühere Begegnungen mit Talion und wie sie ausgegangen sind. Gegner prahlen mit dem letzten Mal, als sie ihn umgebracht haben, ärgern sich über seine Feigheit, wenn er aus einem Kampf weggelaufen ist und wollen Vergeltung für Verletzungen, die sie im letzten Kampf erhalten haben. Ein kleines Bespiel: Ich hatte es bei einem Kampf mit Azûg dem Sänger zu tun. Er hatte die Angewohnheit, alle seinen Dialog nicht zu sprechen sondern reimend zu singen – und er brachte mich bei unserer ersten Begegnung um, wodurch er zum Elite-Hauptmann aufstieg. Beim zweiten Mal ging ich taktischer vor. Während des Kampfes konnte ich ihm einen Kopftreffer mit einem Pfeil verpassen. Am Ende galt er als tot, doch hatte ich mich wohl geirrt. Denn einige Zeit später hatte ich gerade eine Nebenmission abgeschlossen, da lauerte mir Azûg erneut auf. Offenbar war er nur außer Gefecht gesetzt, trug jetzt eine dicke Metallplatte über seinem linken Auge und sang mir vor, wie er Rache an mir nehmen wollte für sein verlorenes Auge. Daraufhin warf ich ihn in ein Lagerfeuer und er floh erneut – später tauchte er tatsächlich wieder auf – diesmal zusätzlich mit dicken Bandagen über seinen Brandwunden. Doch ein weiteres Mal ließ ich ihn nicht entkommen und schlug ihm den Kopf ab. Dadurch gestaltet sich eine Narrative in der Narrative. Geschichten über einzigartige Begegnungen mit den Kommandanten von Saurons Armee, die jeder mit jedem teilen kann, weil praktisch nie jemand ein und den selben Gegner erhält.

Und das ist nur zu Beginn in Udûn. Denn Mordors Schatten führt einen im späteren Verlauf des Spiels auch an das zentral in Mordor gelegene Meer von Nûrn, eine überraschend schöne und fruchtbare Gegend, in der die Armeen des Dunklen Herrschers ihr Getreide anpflanzen. Dort lernt Talion die Fähigkeit, Orks zu brandmarken und sie zu seinen Dienern zu machen. Der Clou: Auch Hauptmänner und sogar Kriegshäuptlinge können gebrandmarkt werden – wodurch alle ihre Untertanen ebenfalls die Seite wechseln. So kann sich Talion eine Armee von Maulwürfen erarbeiten, die auf Knopfdruck ihre Tarnung aufgeben und für ihren Meister kämpfen. Mehr noch: Unterworfene Hauptmänner und Kriegshäuptlinge können dazu gezwungen werden, Streits mit anderen anzuzetteln, wodurch man einerseits den Gegner ausschalten oder brandmarken kann und gleichzeitig die eigenen Männer stärkt.

Egal aber nun ob gebrandmarkt oder nicht: Oftmals veranstalten die Offiziere eigene Veranstaltungen, deren Einfluss man ändern kann. Z.B. beim Duell zweier Hauptmänner, einem Gelage, wo man z.B. den Grog vergiften kann oder auch eine Jagd. Stirbt man jedoch vorher, werden diese Events selbst vervollständigt – wodurch alle erfolgreichen Offiziere auf einmal stärker werden.

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Arkham Schicksalsberg

Den Großteil von Mittelerde: Mordors Schatten verbringt Talion getreu dem Motto von Aragorn: „Lasst uns Orks jagen!“ Wird man in einen Kampf verwickelt, entdeckt man auch sofort den größten Ideengeber für das darin verarbeitete System: Die Batman-Arkhamverse Reihe. Angriffe müssen gekontert werden, man hat ein Kombometer, womit man mächtige Manöver ausführen kann und es gibt verschiedene Gegnerarten, die nur von hinten oder nach einer Betäubungsattacke angegriffen werden können. Außerdem wirft Talion Wurfdolche statt Batarangs und kombiniert seinen Bogen Legolas-Style in seinen Kampf mit ein. Sogar die lernbaren Talente sind fast 1:1 von Batman übernommen – aber das hilft, um dem Kampf einen sauberen Fluss zu geben. Das Kampfsystem ist eine große Stärke, vor allem dank der tollen Animationen. Exekutionsmanöver lassen Talion seine Gegner regelrecht in der Luft zerreisen und es fliegen durchaus auch Körperteile und Köpfe durch die Gegend. Keine Lust auf offenen Kampf? Mittelerde: Mordors Schatten schafft auch hier Abhilfe. Stealth ist ein weiterer großer Aspekt, bei dem man aus der Furcht der einfachen Uruks vor Talion Kapital schlagen kann. So kann man Gegner gezielt in den Hinterhalt locken um sie zu brandmarken, wenn man sie später als Unterstützung noch brauch. Außerdem gibt es einen speziellen Angriff namens Brutalisieren. Dabei handelt es sich um besonders garstigen Angriff aus dem Hinterhalt, der zu Beginn eines offenen Kampfes genutzt werden sollte, weil der bloße Anblick Uruks um ihr Leben laufen lassen kann. Sehr nützlich außerdem ist der Schattenschlag, bei dem Talion einen geisterhaften Pfeil auf einen Gegner abschießt, um sich an dessen Position zu teleportieren und ihn auszuschalten.

Man merkt schon, dass man mit dem Kampfsystem viel Spaß haben kann. Abwechslung ist auch leider nötig, denn Mordors Schatten hat nicht viel anderes. Keine Puzzle, wirklich kreativen Einsatz seiner Fähigkeiten oder sonstiges. Dadurch wird das Spiel mit der Zeit etwas eintönig, umso schneller, wenn man kein Fan von Kämpfen ist. Denn alle Nebenmissionen drehen sich immer in irgendeiner Weise um das Töten von Uruks, selbst wenn man die Möglichkeit bekommt, auf einem Caragor oder einem riesenhaften Graug in die Schlacht zu reiten. Extrem ärgerlich ist auch der finale Bosskampf, der die sonst so umfangreichen Mechaniken des Spiels mit den Füßen tritt. Noch dazu hat das Spiel ein Ende, das sicher nicht besonders gut im Gedächtnis bleiben wird.

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Niemand steuert einfach so Mordor an!

Die Grafik von Mordors Schatten ist überaus hübsch für ein Open World-Spiel und bietet tolle Lichteffekte. Leider konnte mein PC aufgrund seines Alters die Leistung nicht erbringen, weswegen ich auf mittleren Details spielen musste, was aber immer noch recht gut aussieht. Auch stellte ich fest, dass Mordors Schatten trotz der hohen Hardwareanforderungen an die PC-Version auch ohne weiteres mit älteren Prozessoren zurechtkommt, wenn man die anderen Anforderungen überbietet. Ich spielte z.B. spielte auf einem Intel Core2 Quad, der etwa 20% langsamer ist als der mindest benötigte i5 und hatte trotzdem nie mit Leistungseinbrüchen zu kämpfen. Auch hatte ich nie mit Abstürzen zu kämpfen. Und selbst Bugs hatte ich nur einen einzigen, als ein Tastendruck nicht getriggert werden konnte. Die Steuerung ging relativ gut von der Hand, denn selbst die meisten Tasten sind den Batman-Spielen nachempfunden – mit ein paar Ausnahmen. Wer will kann einen Controller verwenden, aber ich kam sehr gut mit Maus und Tastatur zurecht.

Überraschend unauffällig ist die Musik. Zwar gibt es wiedererkennbare Melodien und ein paar Anleihen an den Rest von Mittelerde, aber im Gedächtnis bleibt die orchestrale Musik leider nicht. Mehr Punkte macht da die breite Palette an Soundeffekten und die Massen an Sprachausgabe von Industriegrößen wie Troy Baker, Nolan North, Jennifer Hale und anderen. Manchmal macht es einfach nur Spaß, den Orks bei ihren Gesprächen zu lauschen.

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FAZIT: Du kannst nicht vorbei….an diesem Spiel!

Getestet wurde die PC-Version auf Steam. Es ist außerdem erhältlich für PS4 und Xbox One sowie ab November in einer abgespeckten Variante für PS3 und Xbox 360. 

Summary
Es gab einen Zeitpunkt vor einigen Monaten, als ich Mittelerde: Mordors Schatten schon abgeschrieben hatte. Nach den Enttäuschungen wie Der Krieg im Norden oder Wächter von Mittelerde hatte ich keine große Hoffnung, dass es je besser werden könnte. Ich habe mich geirrt. Mittelerde: Mordors Schatten ist nicht nur ein Überraschungshit. Das Nemesis-Sytem könnte zudem Vorbote sein für eine neue Generation von Spieletiteln, die innovative Ideen integrieren könnten. Ähnlich wie Arkham Asylum es mit Batman tat, lässt es Lizenzspiele basierend auf der Tolkien-Lizenz plötzlich in einem anderen Licht erscheinen. Größter Unterschied dürfte es sein, dass man sich wirklich Zeit genommen hat, nicht nur ein gutes Spieleerlebnis zu gestalten, sondern es auch entsprechend zu raffinieren.Mittelerde: Mordors Schatten ist ein grandioses Abenteuer mit fantastischen Ideen - vorausgesetzt, man kämpft gerne in Videospielen.
Good
  • Das Nemesis-System
  • Viel Atmosphäre
  • Abwechslungsreiches Kampfsystem
  • Sehr ansprechende und verfeinerte Präsentation
  • Ziemlich viel Inhalt
  • Dynamische Nebenmissionen
Bad
  • Story hätte Arbeit vertragen können
  • Unspektakuläre Bosskämpfe
  • Manchmal etwas eintönig
9
Großartig
Written by
Redakteur, Gamer und Filmliebhaber. Mag Indie-Spiele, die PS Vita und Indie-Spiele auf der PS Vita.

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