Metal Gear Solid V: The Phantom Pain im Test

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Ich bin mir nicht sicher ob ich ein Review zu Metal Gear Solid V: The Phantom Pain schreiben kann. Ich habe es so intensiv und ausführlich gespielt wie schon lange kein Videospiel mehr. Es ist eines der besten Stealth-Spiele das mir jemals untergekommen ist, definitiv ein Game-of-the-year-Kandidat für mich. Bis zu dem Punkt an dem sich das Spiel selbst in den Fuß schießt und zusammenbricht.

Zu Beginn ein kleiner Disclaimer: Ich habe eine Art Hassliebe zur Metal Gear Solid-Serie. Auf der einen Seite haben wir bahnbrechende Gameplay Konzepte und Ideen die ihrer Zeit oft vorraus sind. Auf der anderen Seite sind diese guten Ideen oft verpackt in furchtbar umständliche Steuerung und einem undurchsichtigem Aufbau. Hinzu kommen die schier endlosen Zwischensequenzen und Dialoge die den Spielfluss unterbrechen, ganz zu schweigen von dem oft stark schwankendem Ton die selbst ernste und tragische Szenen ruinieren. Um diesen Teil zu beurteilen habe ich mir die Story von Peace Walker nochmal zu Gemüte geführt und parallel Metal Gear Solid: The Twin Snakes, das Remake des 1. Teils, gespielt. Also ja, ich kenne die Serie und das ist auch wichtig für dieses Spiel und wie es aufgebaut ist.

 

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Snake’s Revenge

Metal Gear Solid V: The Phantom Pain beginnt dort wo das Prequel Ground Zeroes endete. Während Ex-Naked Snake Big Boss unterwegs war um seine Kameraden Chico und Paz aus einem Gefangenenlager zu retten wurde seine Heimat-Basis angegriffen und zerstört. 9 Jahre später erwacht „Punished Venom Snake“ aus dem Koma und bricht in Richtung Afghanistan auf um Rache am Schurken Skull Face zu nehmen und diesen nebenbei daran zu hindern mit einem schwer bewaffnetem Riesen-Roboter und einem Killervirus die Welt zu erobern. Also ein ganz normaler Tag soweit.

 

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Dabei bricht The Phantom Pain zahlreiche Regeln und Normen welche die Serie über Jahre hinweg aufgebaut haben. Zum ersten Mal hatte ich in einem MGS-Teil das Gefühl, dass der Fokus mehr auf Gameplay als auf der Story liegt. Natürlich gibt es immer noch viel Story, doch ein Großteil davon wird via Audio-Files erzählt, die man sich jederzeit anhören kann und artet nicht wie in den Vorgängern in endlosen Gameplay-unterbrechende Funkgespräche aus.

Wie üblich mischt die Story halbwegs glaubhafte Militär-Thriller Plotpunkte mit höchst unrealistischen Sci-Fi Elementen, aber wir spielen ja Metal Gear, also soll uns das nicht weiter stören. Das größere Problem ist der Protagonist: Erstmal mein Vorurteil aus dem Weg, ich mag es nicht, dass David Hayter nicht mehr Snake ist. Der Mann ist mit der Rolle so sehr verknüpft wie Charles Martinet mit Super Mario und auch wenn Kiefer Sutherland gute Arbeit leistet ist es einfach nicht wirklich Snake. Das wäre mein persönliches Problem mit diesem Charakter. Ein etwas weiter greifendes Problem ist, dass wir nur sehr wenig Charakterisierung für Snake in diesem Teil bekommen. Seine Mitstreiter Kaz und Ocelot sorgen für einen Großteil der Dialoge und Snake selbst hat nur wenig dazu beizusteuern. Diese Entwicklung macht nach einem bestimmten Story-Twist über den ich hier nicht reden möchte, mehr Sinn, aber es ist dennoch schade. Insbesondere wenn man auf die bisherigen Spiele zurück blickt, denn gerade in den Audio Files von Peace Walker lernt man so unglaublich viel über Snake und seine Motivation Outer Heaven zu gründen kennen, da ist es unheimlich schade, wie sehr diese Elemente hier ausgeblendet werden.

 

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Mr. Utility Belt

Die Wüste Afghanistans und eine Region in Afrika sind die beiden zentralen Schauplätze des Spiels in denen Metal Gear Solid zu einem Open World Spiel wird. Wie man es aus Assassin’s Creed oder Grand Theft Auto kennt hat man eine große Karte und zahlreiche Missionen. Gefangene befreien, wichtige Personen ausschalten, Fahrzeug-Squadronen vernichten, Resourcen sammeln und diverse andere Dinge. Dabei ermöglicht der Open World Aufbau zahlreiche Herangehensweisen an die verschiedenen Aufträge und man ist unheimlich flexibel darin, wie man mit der aktuellen Situation umgehen möchte. Es erinnert mich in dieser Hinsicht ein wenig an Commandos.

 

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Snake trägt traditionell so viel Ausrüstung mit sich herum wie Links aus drei verschiedene Zeitlinien zusammen. Gewehre, Pistolen, 5 verschiedene Granaten, diverse Minen, (elektrische (!) ) Zigarren, Fallen, Sprengstoff, Kartonagen. Ihr seht schon, in diesem Artikel wird viel aufgezählt. Der Punkt ist, zum ersten Mal fühlt sich alles wirklich nützlich an, weil es so viele Möglichkeiten gibt eine Mission anzugehen und keine davon wirklich falsch ist. In einer Mission zum Beispiel gilt es auf einem bewachten Flughafen Gelände eine Zielperson die mit dem Hubschrauber landet, zu identifizieren und auszuschalten. Diese Aufgabe kann man auf verschiedene Arten angehen. Zum Beispiel einfach mit einem geklauten Panzer durch die Absperrung fahren und einfach alles abzuschießen. Man muss nur darauf achten den Alarm erst auszulösen wenn besagte Zielperson schon gelandet ist, sonst dreht sein Heli nämlich um und die Mission ist gescheitert.

 

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Man kann die Situation auch von einem Aussichtsturm beobachten und das Ziel im richtigen Moment mit einem Scharfschützengewehr ausschalten. Aber wenn man die Situation lange genug beobachtet, wird nicht nur die Handlung durch eine belauschte Unterhaltung ausgebaut, das Ziel beginnt außerdem eine Tour des Geländes in einem Lastwagen, welchen man vorher mit Sprengstoff präparieren könnte. Oder man wartet, bis er ans andere Ende des Flughafens gefahren ist, blockiert dort den Weg und entführt einfach beide Passagiere UND den Laster mit einem Fulton Ballon.

 

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Für jeden Stück Ausrüstung gibt es den richtigen Moment und wenn euch nicht danach ist, diesen zu benutzen habt ihr immer noch ein halbes Dutzend andere Möglichkeiten die genauso gut funktionieren. Dazu muss ich aber auch betonen, auch wenn man viel in die Luft jagen kann, Stealth ist oft eure beste Option. In den frühen Missionen weil man noch nicht genug Ausrüstung für ein intensives Feuergefecht hat und in den späteren, weil die Gegner dann deutlich besser ausgestattet sind. So macht sich auch oft eine Kombination von Leise und Laut bezahlt. Zum Beispiel ist es sinnvoll erst dann richtig Krach zu machen, wenn man die Funkgeräte der Gegner ausschaltet und somit verhindert, dass diese Verstärkung aus der nächsten Basis rufen können. Und sabotiert man vorher die Flak-Geschütze, kann man auch gleich den Helikopter zur Luftunterstützung rufen. Ein Helikopter der währenddessen Wagners Valkürenritt aus den Lautsprechern dröhnen lässt. Oder Final Countdown, es sind immerhin die 80er.

Friendship blooms on the battlefield

Eine weitere Ergänzung in Sachen „Ausrüstung“ für Snake ist, dass er in jeder Missionen einen „Buddy“ mit ins Feld nehmen kann: Das Pferd D-Horse, den Hund D-Dog (ja, Namen sind nicht die Stärke dieser Armee) oder die Scharfschützing Quiet. (Niemand benutzt je das fucking Walker Gear.)

Jeder Partner hat Fähigkeiten die in verschiedenen Missionen eine große Hilfe sein können und dankbarerweise kann man sie auch in den Missionen jederzeit austauschen. D-Dog entdeckt Feinde, Gefangene und Missionsziele, kann aber per Kommando auch direkt auf Gegner gehetzt werden. Was am Anfang noch eine witzige Ergänzung ist, wird zu einem der großartigsten Momente in der Geschichte der Videospiele als… der Hund ein Messer bekommt.

 

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Mein Hund hat ein Messer. Bam! Oh, eine Wache glaubt etwas gesehen zu haben und nähert sich meiner Position. Hund! Messer ihn! Und der Hund zieht das Messer aus dem Halfter an seiner Schutzweste, nimmt das Messer ins Maul, springt den Gegner an und tötet ihn mit dem Messer. Es ist so cool. Es ist so dämlich. Es ist so… Metal Gear.

Auch das Pferd D-Horse ist ein sehr praktischer Gefährte. Wo Pferde in manchen Spielen einfach ein „haja, ist praktisch“-Element sind, merkt man wie sich die Dynamik deutlich verändert, wenn das Pferd euer Partner ist. Am wichtigsten dabei ist die Fähigkeit, während dem Reiten immer noch schwere Waffen nachladen zu können. Dazu komme ich aber gleich noch.

Doch die meiste Zeit werdet ihr Quiet als Buddy benutzen. Die quasi nackte Scharfschützin ist ein mächtiger Verbündeter, nicht zuletzt weil der Gegner mit ihr deutlich anders umgeht als mit Snake selbst. Besonders cool ist außerdem ihre Fähigkeit auf Kommando ein Ziel ins Visier zu nehmen und es in dem Moment auszuschalten in dem ihr als Snake selbst den Abzug drückt.

METAL GEAR?!

Ein Freund von mir nannte die Steuerung von Ground Zeroes neulich „grob und behäbig“ und auf eine gewisse Art und Weise hatte er damit recht. Auch wenn MGSV um Welten flexibler und einfacher zu steuern ist als seine Vorgänger (die Ego-Perspektive in Twin Snakes ist ein Grauß) fühlt es sich anders als moderne 3rd-Person Actionspiele an. Doch jede Taste hat eine sinnvolle Funktion die ich nach einigen Stunden Spielzeit nicht mehr missen wollte.

MGSV schafft es auch, in seiner Präsentation sehr „cineastisch“ zu sein, ohne dabei Gameplay-Mechaniken zu kürzen. Der finale Bosskampf gegen den Metal Gear der Woche ist absolut fantastisch. Das war übrigens kein Spoiler, es ist Metal Gear Solid, natürlich kämpft ihr am Schluss gegen einen großen Roboter. Es war im Trailer! Worauf ich hinaus will, ist, es ist ein unglaublich geil inszenierter Kampf, wie man zwischen Bergen hin und her kriecht um den Blick des metallenen Riesen zu umgehen. Aber in einem modernem westlichen Actionspiel, wäre man dafür in einen engen Korridor gezwängt worden mit klar definierten „hier darfst du auf ihn Schießen“-Momenten. Doch dann enteckt mich der Sahelanthropus, ich renne vor ihm weg, pfeife mein Pferd herbei, steige auf während es an mir vorbei gallopiert, feure eine Rakete ab und suche erneut Deckung. Wenn MGSV nicht mein Spiel des Jahres wird, dieser Bosskampf ist zumindest mein Gaming-Moment des Jahres.

 

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Besagter Bosskampf ist übrigens nicht nur ein wahrer Höhepunkt in Sachen Gameplay und Dramatik, es ist an sich auch ein großartiges Ende für das Spiel. Das Problem ist nur, das Spiel hört hier nicht auf. Nachdem ich gut 40 Stunden mit sehr zufriedenstellendem Gameplay und keiner großartigen aber soliden Story verbracht habe endet Kapitel 1. Es folgt eine völlig (nutzlose aber mit Spoilern gefüllte) Vorschau auf Kapitel 2, was dann auch gleich beginnt. Und hier haben wir ein Problem. Zum einen ist an diesem Punkt fast jeder dramaturgische Story-Arc abgeschlossen, der Bösewicht tot, seine Maschine bezwungen. Es gibt fast gar keine neue Haupt-Missionen an diesem Punkt, sondern nur Wiederholungen bereits bekannter Missionen mit erschwerten Bedingungen, wie z.B. zerstöre diese Ziele, aber besorg dir alle Ausrüstung erst vor Ort.

 

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Es ist „Padding“ von der schlimmsten Sorte, weil Kapitel 2 spielerisch nichts neues bietet, was man nicht auch einfach mit einem auswählbarem Schwierigkeitsgrad vor jeder Mission hätte einrichten können. So zwingt man sich nochmal genau die selben Missionen zu spielen, hört dabei die exakt gleichen Dialoge und sieht die exakt gleichen Zwischensequenzen um am Schluss nochmal 1 1/2 neue Missionen zu bekommen die so ein bisschen als Epilog für einen Charakter funktionieren. Aber es fühlt sich einfach nur frech und angetackert an. Nachdem mir das Spiel so lange so viel Spaß bereitet hat, bremst es auf einmal aus. Es fühlt sich an – so merkwürdig das jetzt auch klingen mag – als ob das Spiel selbst keinen Bock mehr hat.

 

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Inzwischen wissen wir, dass das eigentliche Ende des Spiels aus „Zeit- und Budget-Gründen“ gestrichen wurde. Das ist ziemlich tragisch, denn nach allem was über diese finale Mission bekannt ist, wäre es ein deutlich zufriedenstellenderes Ende für diese Episode gewesen das zumindest einen Teil der noch losen Plotfäden zwischen The Phantom Pain und dem 1. Metal Gear Solid miteinander verknüpft…

Fazit:

Ich könnte noch so viel über dieses Spiel schreiben, doch ich möchte an diesem Punkt einen Schlussstrich ziehen. Tatsache ist, Metal Gear Solid V: The Phantom Pain war ein großartiges Spiel, dass mich für zahlreiche Stunden sehr gut unterhalten und motiviert hat. Die zahlreichen Optionen die einem in jeder Mission zur Verfügung stehen in Kombination mit wirklich guten und cleveren Mechaniken machen es zu einem der besten, wenn nicht sogar dem besten Stealth-Spiel, dass mir jemals untergekommen ist. Dieses Spiel ist bist zum Rand gefüllt mit großartigen Momenten und was daran so fantastisch ist, ist, dass man sie sich alle selber macht. Das ist es, was ein Open-World-Spiel wirklich ausmachen sollte und MGSV schafft dies mit Bravour.

Rückblickend wirkt es daher fast etwas kleinlich, wie sehr mir das nicht-vorhandene Ende dieses Spiel ruiniert hat. Nach dem tollen Aufbau und Finale von „Kapitel 1“ konnte ich kaum erwarten, wie das Spiel dies toppen möchte und dann passiert einfach nichts. Weil Konami Konami war, endet meine Zeit mit Metal Gear Solid auf einer bitteren Note.

Metal Gear Solid V: The Phantom Pain hätte Hideo Kojimas Magnum Opus sein sollen. Stattdessen ist es seine unvollendete Symphonie.

 

Good

  • Exzellente Stealth-Mechaniken
  • Zahlreiche Optionen im Kampf
  • sieht fantastisch aus
  • Helikopter Musik
  • Bosskampf gegen Metal Gear
  • Man schafft sich die besten Momente selber
  • Mein Hund hat ein Messer

Bad

  • Kein David Hayter
  • Nur sehr wenig Charakterisierung von Snake
  • Kapitel 2 besteht nur aus Wiederholungen
  • Kein richtiges Ende
8

Sehr gut

Profilbild von Konrad Huber
Selbserklärter König der Nerds, Herausforderer bitte hinten anstellen. Ich bin der mit den Nunchakus und dem im Wind flatternden Bandana.

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