Es wird Zeit die Strumpfhosen anzuziehen und sich vom nächsten Wolkenkratzer zu stürzen. Marvel’s Spider-Man ist das Spiel, auf das wir 14 Jahre gewartet haben.

Das Intro verschwendet keine Zeit mit langen Erklärungen, sondern beginnt damit wie Peter Parker seine Maske aufzieht, kurz den Blick über sein zugemülltes Appartement schleifen lässt, die „Letzte Mahnung“, die gerade durch den Briefschlitz geflattert kam, ignoriert und mit einem Satz aus dem Fenster hechtet. Ein paar Spielstunden später kam dann der Moment, bei dem ich mich dann völlig in dieses Spiel verliebt habe. Nach einem langem Tag möchte Peter wieder nach Hause und einfach nur schlafen. Aber sein Appartement hat ein neues Schloss und all sein Zeug ist von seinem Ex-Vermieter auf den Müll geworfen worden. Es folgt eine Mission in der Spider-Man Jagd auf verschiedene Müll-Laster macht, während er als Peter Parker konstant mit einem Beamten der Stadt telefoniert, um herauszufinden, wo er seine weggeworfene Festplatte mit Spider-Daten vielleicht noch finden könnte. Das andauernde Telefonat mit einer körperlosen Stimme, die einem ständig neue Checkpoints serviert, ist an sich ein furchtbar abgedroschenes Konzept von Open-World Gameplay. Doch gleichzeitig ist „als Spider-Man der Müllabfuhr hinterher schwingen, weil er von seinem Vermieter herausgeschmissen wurde“ so ziemlich das Peter-Parker-igste Ding, was ich jemals in einem Videospiel gemacht habe. Auch wenn das wieder ein harter Fall von „Parker Luck“ ist, ist es nur einer von vielen Höhepunkten im Spiel.

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Schon beim ersten Gameplay Footage von Marvel’s Spider-Man (ich kann immer noch nicht glauben, dass das der offizielle Titel ist) war klar, dass sich das Spiel massiv an Rocksteady’s Arkham-Serie bedient. Die eleganten Kämpfe bieten einen Cocktail aus Kontern, Threat-Management, Combo-basierten Supermoves und dem strategischem Einsatz von Gadgets. Ich muss tatsächlich gar nicht viel mehr über die Prügelmechaniken schreiben, weil sie einfach auf dem beliebtesten System dieser Konsolengeneration aufbauen. Schlag, Ausweichen, Konter, Takedown, betäubendes Wurfgeschoss. Nur halt mit Spider-Man.

Die Stealth Sektionen geben euch einen großen Raum als Schleich-Spielplatz, in dem ihr euch Stück für Stück eurer ahnungslosen Widersacher entledigt. Ihr lockt sie mit Geräuschen voneinander weg, werdet ihr entdeckt, gehen die Prügeleien los.

Da hören die Parallelen nicht auf. Ein gewisser Marvel-Schurke der seinen Auftritt in der 2. Hälfte des Spiels hat und für die Challenges zuständig ist, erinnert mich in seiner aktuellen Form massiv an den Deathstroke des Arkham-verse. Und wer in den letzten Jahren ein Open World-Spiel gespielt, wird viele andere Dinge wiedererkennen: Eine große Karte voller Sidequests und Collectibles, konstante Funkgespäche mit diversen NPCs, (Funk-)Türme, welche die Karte erweitern. Je länger ihr Spider-Man spielt, desto mehr werden euch auch andere Dinge bekannt vorkommen. Nicht nur in Sachen direktes Gameplay, sondern auch Story-Struktur und Set-Up für Missionen. Oh, die faschistisch anmutenden High-Tech Soldaten errichten also Checkpoints und Lager in der Stadt. Wie originell.

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Aber egal ob zusammengeklaut oder nicht, Spider-Man ist einfach geil! Schon lange nicht mehr hat mich ein Spiel gepackt, so an den Bildschirm geklebt. Denn alles fließt wunderbar ineinander über durch die wirklich gute… ihr habt es kommen sehen… Schwingmechanik. Ja, ich weiß, mein erster Spieleindruck von der gamescom war etwas zynischer. Ich hatte bereits vorab gelesen, dass etwas nicht so ist, wie ich es in Erinnerung halte und da ist mein Frust ein bisschen mit mir durchgegangen. Nein, es ist immer noch nicht möglich, das Schwingen wirklich zu verkacken. Solange ihr den rechten Bumper gedrückt haltet, hat Spidey Geschwindigkeit, prallt er an eine Wand, beginnt er elegant an ihr entlang zu sprinten. Doch dazu gibt es noch die Webline und eine Handvoll freischaltbarer Moves und auf einmal ist alles – so gut.

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Ihr könnt nicht schlecht schlecht schwingen. Allerdings könnt ihr jedes mal ein kleines bisschen besser sein. Das werdet ihr merken, wenn ihr anfangt, euch an den Drohnen-Challenges zu versuchen. Aber letztlich bleibt nur die Frage: Macht es Spaß? Die Antwort ist ein lautes „JA!“. Oder auch Woohoo, wenn man gerade wieder einen Köpfer vom Empire State Building macht. Es ist eines von diesen Spielen, wo man bei jeder Herausforderung merkt, was man hätte besser machen können. Oh, an der Stelle vielleicht besser, um die Ecke rennen. Noch einen Punkt suchen, um sich besser nach vorne zu katapultieren – vielleicht.

Marvel’s Spider-Man ist das erste richtige Triple-A-Marvel-Videospiel seit… eigentlich über 2 Konsolengenerationen. Die meisten Spiele in der PS3/360 Ära reichten von mies über solide zu echt ganz gut, aber viel davon war mehr so Lizenz-Kleinkram. Man merkt Insomniacs Titel nicht nur die Zeit und das Geld an, das in dieses Produkt floss, sondern auch die Liebe für das Setting und die Figur. Es ist ein Spiel von der Sorte ,wie wir sie nach 10 Jahren MCU schon stapelweise haben sollten. Es schafft eine schöne Ecke Marvel-Welt für Spidey zum Austoben. Zwar mit zahlreichen Anspielungen und Easter Eggs, aber trotzdem mit Spidey als Star der Show. Dennoch wäre es ein schöner Startpunkt für weitere Spiele im… Marvel Videogame Universe(?). Der Avengers Tower kann erklommen werden (aber leider kein Baxter Building), durch ein Fenster im Greenich Village scheint ein sehr stranges Licht, in einem alten Rucksack findet Peter die Visitenkarte eines blinden Anwalts. Es erinnert mich ein wenig an Spider-Man: Web of Shadows, das Spidey klar im Zentrum einer Welt voller Superhelden platzierte, auch wenn die Cameos hier deutlich subtiler sind. Das Meiste davon kann man wunderbar in Szene setzen mit dem Photo Modus und vor allem der Selfie-Perspektive.

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Erneut, wenig von dem was ihr in Spider-Man macht, gab es nicht schon in anderen Spielen. Der Clou ist einfach, wie gut es gemacht wird und wie schön alles ineinander greift. Ebenfalls mit der andernorts angesprochenen Problematik von Spider-Cop kommt Peter Parkers neustes Abenteuer mit deutlich weniger Brutalität aus als Arkham Knight. Es erzählt eine gute – wenn auch nicht zwingend wahnsinnig originelle – Geschichte über den Wandkrabbler, sein Umfeld und seine Mitmenschen und natürlich auch die Beziehung zu seinen Schurken. In der 2. Story-Mission wird schon relativ deutlich in welche Richtung sich ein sehr bestimmter Plotstrang entwickelt und es werden auch einige Dinge für eine Fortsetzung vorbereitet. Eine Fortsetzung, bei der ich sofort dabei wäre.

 

Zwischen dem Netzschwingen und Schurkenverkloppen nimmt sich Spider-Man auch oft genug die Zeit, einfach mal etwas zu bremsen. Das wird nicht für jeden etwas sein. Einmal abgesehen von kleineren „lauf langsam durch dieses Gebäude, sieh dir eine Zwischensequenz an und lauf wieder raus“, gibt es auch eine Handvoll Mini-Stealth-Einlagen, in denen ihr mit Peters weniger begabten Freunden euch durch Straßensperren und Verbrecher-Verstecke schleichen müsst. Diese Momente sind… meistens nicht sonderlich aufregend oder abwechslungsreich, helfen aber sehr dabei, die Nebenfiguren über „Kontaktfoto auf dem Telefon“ hinaus zu entwickeln. Tatsächlich ist es für die Beziehung zwischen Peter und MJ wirklich zuträglich, dass sie auch mal etwas machen darf. Ich meine, klar, vermutlich wäre Spidey alleine auch sehr gut darin, sich in Norman Osbornes Penthouse einzuschleichen, aber für die Charakterentwicklung ist das echt schön. Der Höhepunkt dabei ist eine Geiselnahme in der Grand Central Station, in der ihr als MJ schleicht, während ihr Spider-Man Signale für Stealth Takedowns gebt.

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Fazit von Konrad Huber:

Ich denke das größte Lob, das ich Spider-Man aussprechen kann ist, dass ich keine wirklichen Kritikpunkte habe. Ich hatte stundenlang Spaß, was einfach an den exzellenten Mechaniken liegt und jeder Contra-Punkt, den ich aufführen könnte, wären nur nerdige Comic-Beschwerden. 25 Kostüme, aber kein Superior Spider-Man? Schon wieder Black Cat? Immer noch Scorpion, Shocker und Vulture als Gegner? Warum nicht mal Der Grizzly, Trapster oder Spot? Aber Spaß beiseite, was Spider-Man in der 2. Hälfte mit den Bosskämpfen gegen einen Teil der Sinister Six macht, hat man so noch nie in einem Spidey-Game gesehen. Marvel’s Spider-Man ist ein echter Kracher geworden. Ein Spiel, das der Figur und seiner Geschichte gerecht wird. Insomniac Games hat die große Verantwortung auf sich genommen und gemeistert.

Fazit von Michael Bragg:

Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der zu Beginn von Marvel´s Spider-Man gedacht hat: „Das ist doch nur ein weiteres Arkham-Spiel im anderen Kostüm„. Je länger ich aber spielte, desto mehr verschwand dieser Gedanke. Insomniac Games bedient sich der erfolgreichsten Open World-Elemente diverser Spiele und mixt diese zu einer Mixtur, welche einen die anderen Spiele vergessen lässt. Dieses Spiel ist einfach der reinste Wahnsinn. Rucksäcke sammeln? Selbst bei solchen Collectibles bin ich dabei! Funktürme? Da schwing ich doch gern hin! Das größte Kompliment, das man der Schwingmechanik machen kann ist, dass das Spiel eine Schnellreise-Funktion aufweist, die aber nicht genutzt wird. Ich habe diese Schnellreise nur ein paar Mal für eine Trophäe genutzt und dann auch schon wieder aus meinem Kopf gestrichen. Dafür macht das Schwingen einfach zu viel Spaß! Aber auch beim Kampfsystem wurde nicht nur abgekupfert, sondern die Möglichkeiten von Spidey sehr gut eingebunden. So kann man jederzeit mit seinen Netzen die Umgebung in seine Kämpfe einbinden. Spider-Man ist einfach nur ein tolles Erlebnis und es scheint fest entschlossen zu sein, am Ende des Jahres als das beste Spiel des Jahres zu gelten!

Good

  • Sehr schöne Schwingmechanik, die auch nach vielen Stunden noch Spaß macht
  • Solides, wenn auch sehr Arkham-artiges Kampfsystem
  • Tolle (engl.) Synchronisation
  • Schicke, neue Designs für viele Charaktere
  • Es fühlt sich oft an wie ein echtes Marvel New-York
  • Ein triumphaler Soundtrack, der Spider-Man Musik der letzten 20 Jahre in sich vereint

Bad

  • Erfindet in Sachen Struktur jetzt das Open-World Rad nicht neu
  • Kein Superior Spider-Man Kostüm zum Freischalten
  • Zu viele alte Gesichter
  • Sidequest mit Black Cat ist nur Set-Up für den DLC
9

Großartig

Selbserklärter König der Nerds, Herausforderer bitte hinten anstellen. Ich bin der mit den Nunchakus und dem im Wind flatternden Bandana.

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