Marvel vs. Capcom Infinite Review

PlayStation 4 Xbox One

 

   

Marvel vs. Capcom Infinite könnte der bisherige Höhepunkt einer Serie sein, die jetzt auch schon stolze 20 Jahre auf dem Buckel hat. Aber was Capcom mit Infinite abliefert wird dem Franchise nicht gerecht. 

Infinite. Unendlich. Das klingt ambitioniert. Womit verdient sich das Spiel diesen Titel wohl? Bezieht es sich auf unendliche Combos? Will es vielleicht die lächerlich hohe Zahl von 56 spielbaren Charakteren des legendären 2. Teils toppen? Oder sieht sich Infinite vielleicht als letzte Inkarnation dieser Serie, die über Jahre hinweg konstant mit Updates versorgt wird um „unendlichen“ Spielspaß zu gewähren. Nein, das Spiel ist nach den mächtigen Infinity Stones benannt, die sowohl eine Rolle im Plot des Spiels haben, als auch eine zentrale neue Mechanik des Kampfsystems bilden.

Wenn ihr euch in den Monaten vor dem Release von Marvel vs. Capcom Infinite bereits eine Meinung zu diesem Spiel gebildet hat, dann wird dieser Artikel nicht viel dazu beitragen diese zu ändern. Denn unabhängig von den Feinheiten des Kampfsystems hat MvCI so einige Probleme die das Gesamtpaket herunterziehen. Aber da es sich dabei um „sekundäre“ Faktoren bei einem Fighting Game handelt, kümmern wir uns zunächst mal um die grundlegenden Mechaniken.

Infinity Combo

Das heißt, ich würde das gerne, aber hier haben wir noch ein Problem: Ich bin nicht wirklich gut in Prügelspielen. Also, ich kann Hadoukens, und wenn es sein muss auch Shoryukens und wenn ich bei Soul Calibur gegen einen Button Masher spiele, nehme ich Maxi, weil der beim Button Mashen besser ist. Aber ja, also Dodge Canceling und Guard Breaks und Frames zählen… alles nicht so meins. Was aber zum Teil auch die Schuld dieses Spiels ist. Wie schon seine Vorgänger gibt es in MvCI zwar ein sehr kompaktes Tutorial, das mir zeigt, wie ich bestimmte Manöver einsetze, aber nicht wann und warum. Es ist jetzt nicht die Schuld des Spiels, dass das Fighting Game-Genre nicht super zugänglich ist, allerdings hätte man die Gelegenheit ergreifen können, um dem Spiel ausführlichere Einweisungen zu spendieren. Immerhin scheint alles andere an diesem Titel darauf ausgelegt zu sein, neue Spieler anzulocken.

Insofern sollten mir die Änderungen am Kampfsystem eigentlich gefallen, denn seit Bayonettas „macht mit der 2. Hand was ihr wollt *zwinker* „-Modus war es noch nie so einfach stylische Moves hinzulegen. Schon das wiederholte Drücken der normalen Schlagtaste reicht aus, um in eine Air Juggeling Combo überzugehen, für welche die Serie so berühmt ist, und wie schon zuvor lassen sich die berühmten Hyper Combos quasi per Knopfdruck zünden. Es… funktioniert. Und allem Anschein nach hat die Turnier-Szene auch durchaus bereits ihren Spaß mit dem Spiel, es spricht also zumindest einiges dafür, dass zumindest mechanisch alles passt.

Sehr spannend finde ich die Ergänzung durch die Infinity Stones selber. Die mächtigen Marvel McGuffins dienen als zusätzliche Option vor jedem Kampf. Während dem Kampf lädt sich eine separate Power Leiste für den gewählten Stein, mit dem man besondere Spezial-Attacken entfesseln kann. So ist es zum Beispiel möglich, mit dem Soul Stone zu zweit auf den Gegner einzuprügeln, während der Space Stone den Gegner in einen Käfig steckt.

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Eine weitere große Änderung im Kampfsystem gegenüber den Vorgängern ist übrigens der Wechsel von 3-gegen-3 in den alten Spielen zu einem 2-on-2 Tag Team Match in Infinite. Verschiedene Arten von Assist-Types gibt es leider nicht mehr. Man hat nur noch die Möglichkeit im Kampf die Figur zu wechseln.

Was uns nun zu all den anderen Dingen bringt, die an diesem ersten Release eines Capcom Prügelspiels nicht so super sind.

Age of Amalgam

Kern des Packets ist ein Story Modus, in dem die Helden von Marvel und Capcom aufeinander treffen, um gemeinsam Ultron Sigma – die Verschmelzung zweier Androiden Superschurken – zu bezwingen. Das Spiel beginnt am gleichen Punkt wie die Demo, 90 Tage nach Der Verschmelzung. Wer also darauf gehofft hatte zu erleben, wie die Helden zum ersten mal aufeinander prallen, vielleicht zum traditionellem „aus Missverständnissen entstandener Kampf vor dem eventuellen Team-Up“, der Teil jedes guten Comic Crossovers ist, der wird enttäuscht sein.

Die Verschmelzung der Welten wird dabei kaum erklärt und was wir von ihr sehen, ist frustrierend plump. Der Avengers Tower steht jetzt in New Metro City, die von Doctor Strange bekannte Dark Dimension verschmolz mit der Welt der Darkstalkers und wurde zum Dark Kingdom und aus A.I.M. und Umbrella wurde – wait for it – A.I.M.BRELLA, ein geheimes Untergrundlabor in dem nun A.I.M.s M.O.D.O.K. Umbrellas B.O.W.s heranzüchtet.

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Hier ist der Punkt: Ich mag Crossover. Ich mag den dämlichen Mist der in Crossovern passiert. Wie wenn Batmans Schurken zu Xenomorphen werden oder durch das Ooze aus dem Turtles-Universum mutieren. Sowas kann echt der Brüller sein. Aber alles in Infinite wirkt lieblos zusammengeklatscht und das Zusammenspiel diverser Elemente wird nie erklärt. Es erinnert zum Teil an große Comic Crossover Events wie Civil War II, aber leider nur in dem Sinne, dass das Main Event nicht annäherend so spannend oder interessant ist wie die Solo Tie-In der einzelnen Helden, die ich gerade nicht mitbekomme.

Spielerisch gibt der Story Modus sein Bestes, indem er die Kämpfe immer wieder ein bisschen variiert. So unterstützt MODOK im Kampf im A.I.M.BRELLA Hauptquartier zum Beispiel Nemesis mit dem Einsatz des Infinity Stones und manchmal muss man sich auch unter Zeitdruck gegen mehrere aufeinanderfolgende Ultron Drohnen verteidigen. Doch das hilft leider nicht gegen die mittelmäßig bis miese Präsentation. Die Zwischensequenzen zwischen den Kämpfen bestehen aus nicht viel mehr als One-Linern ohne jegliche Charakter-Entwicklung und gelegentlichem Techno-Bable. Die meisten Charaktere werden auf einen einzigen Charakterzug oder einen Catchphrase reduziert (Tony ist arrogant, Rocket streitsüchtig, Dante all-out-of-fucks-to-give), andere Helden wie z.B. Captain Marvel, bekommen einfach keinerlei Charakterisierung. Dabei sind es gerade Comic-Spiele, die oft durch gut geschriebene Stories und Texte zumindest Fans bei der Stange halten.

Der Art-Style tut seit Übriges; es ist wirklich nicht schön, die Figuren in Zwischensequenzen aus anderen Perspektiven zu betrachten. Die Helden wirken meistens eher wie überdimensionierte Actionfiguren (was beispielsweise bei eigentlich schmaleren Figuren wie Doctor Strange super merkwürdig aussieht), Captain Marvel hat ein Gesicht wie eine Porzellan-Puppe und viele der anderen Gesichter sind wirklich hässlich. Man kann jetzt gerne darüber spekulieren woran das liegt, aber letztlich zählt nur, dass das Endergebnis sehr unbefriedigend ist. Offensichtlich wurde das Roster vom MCU inspiriert, warum also nicht auch der Art Style? Rocket zum Beispiel hatte schon ein Charaktermodell in MvC3, sieht jetzt aber klar aus wie die Filmvorlage. Ein so direkter Bezug zum Film-Design hätte Captain Americas Modell sicher auch gut getan, der jetzt mehr aussieht wie aus einem Rob Liefeld Comic entsprungen. Apropos Roster…

Avengers vs. Capcom

Und dann wäre da natürlich noch das Roster. Zum einen ist es mit 30 Kämpfern das kleinste in einem Marvel vs. Capcom Spiel seit *checkt Wikipedia* Clash of Super Heroes 1998. Selbst die ursprüngliche Pre-DLC Version von MvC3 hatte mehr zu bieten. Und auch mehr Neues: Nur sechs neue Recken finden sich auf dem Startbildschirm.

Wir können jetzt lange darüber spekulieren warum Marvels Hälfte der 30 Kämpfer so enttäuschend ausgefallen ist. Tatsache ist, dass sich hier fast ausschließlich Kämpfer finden, die einen Platz im Marvel Cinematic Universe haben (also primär die Avengers) und kein einziger Charakter für den die Filmrechte bei FOX liegen. Das heißt, eine Serie die ihren Ursprung in einem Spiel namens X-Men vs. Street Fighter fand, hat keine X-Men (und nur 2 Street Fighter, aber zu Capcom kommen wir noch). Damit fehlen Charaktere wie Wolverine, Serien-Veteranen wie Doctor Doom , die bisher noch in jedem Spiel dabei waren, und Neulinge wie X-23, Deadpool und der Super Skrull. Dabei ist sich Marvel nicht zu schade, mit den Mutanten diverse Mobile Games wie Contest of Champions oder Future Fight zu bewerben. Aber in einem Spiel das ein echtes Aushängeschild für die „neuen Marvel Spiele“ sein sollte, fehlen sie einfach. Neuzugänge sind neben Captain Marvel (hab ich schon gesagt, dass die echt merkwürdig aussieht) Weltraumheldin Gamorra, und Avengers-Erzbösewichte Thanos und Ultron.

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Ebenfalls Capcoms Seite fällt enttäuschend aus. Auf ihrer Seite finden sich zum einen nur zwei neue Kämpfer (Darkstalker Jedah und Mega Man X), zudem fehlen viele der schrägen Neuzugänge aus Teil 3. Kein Viewtiful Joe, Albert Wesker oder Phoenix Wright. Während Marvels Hälfte des Rosters eindeutig Marketing-technisch motiviert war, besteht Capcoms Roster aus… Leuten die seit Jahren keine Spiele mehr hatten und vermutlich auch in absehbarer Zeit keine mehr bekommen werden. Darkstalkers Postergirl Morrigan muss dabei sein, aber warum ist Bionic Commando Spencer immer noch hier? Wo ist Amaterasu so kurz vor dem HD-Release von Okami und hätte angesichts der mageren Zahl von vier Frauen im Roster Jill Valentine nicht eher einen Platz verdient als Felsen-Schläger Chris Redfield?

Vielleicht wäre dieses Roster leichter zu verkraften, wenn der Artstyle mehr mitspielen würde. Doch wo MvC3 auf dem Bildschirm noch so richtig poppte, mit einem Design das durch grellen Farben und dicken schwarzen Outlines alle noch so schrägen Mitglieder des Rosters vereinte, ist Infinite ein zwar manchmal bunter, jedoch fast immer weniger in sich stimmig und einfach nicht so schön.

Fazit:

Marvel vs. Capcom 3 war bunt und stylisch und schräg. Auch wenn das mit dem DLC und der Ultimate Version ärgerlich war, hat das Endprodukt immer noch Laune gemacht. Infinite ist ein solides Spiel, soweit ich das als Fighting Game Laie beurteilen kann. Die Infinity Stones sind ein interessantes und fluffiges Gameplay Element. Dennoch fällt es an allen Ecken und Enden in sich zusammen. Es sieht im besten Fall „nur“ langweilig aus, das Roster ist mager und bietet wenig neues, der Story Modus dezent katastrophal. Es fühlt sich alles an wie ein schneller Werbespot für Avengers: Infinity War. Wer dringend neue Combos zum Üben sucht, der kann sich das Spiel zu Gemüte führen, aber alles in allem ist man mit der digital erhältlichen Version von Ultimate Marvel vs. Capcom 3 einfach besser dran.

Good

  • Solide Grundmechanik
  • Infinity Stones sind eine interessante Ergänzung

Bad

  • Enttäuschender Story Modus
  • Hässliche Charaktermodelle
  • Anstrengende Musik
  • Das schmale Roster
  • ... ohne X-Men
  • ... und ohne Doctor Doom
5.5

Mittelmässig

Selbserklärter König der Nerds, Herausforderer bitte hinten anstellen. Ich bin der mit den Nunchakus und dem im Wind flatternden Bandana.

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