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Kopfkino: The Road

„Die Uhren blieben um 1:17 Uhr stehen. Jeder Tag ist grauer als der vorherige, während die Erde langsam stirbt.“

Gleißende Flammen brennen sich unaufhaltsam durch die letzten grünen Oasen der Welt. Der Boden reißt unter donnerndem Beben auf. Alles Leben ist entweder längst vergangen, oder haucht seine letzten Atemzüge aus. Weltuntergang. – Ein Szenario, das uns unzählige Filme, Bücher und Geschichten in allen Formen erzählt haben. Doch keine dieser tut es so wie The Road. Denn wo die meisten anderen den Untergang der Menschheit mit Pauken und Trompeten inszenieren und den dramatischen Versuch der letzten verbleibenden Menschen, ihre Welt wieder aufzubauen porträtieren, geht dieser Film einen ganz anderen Weg. The Road beschäftigt sich nicht mit der Frage, was die Erde von nahezu allem Leben befreite, oder wie dies geschah. Der Film sagt uns lediglich, dass etwas derart schreckliches passierte, das die Welt zu einem grauen, schmutzigen Fleck machte. Dem mangelt es nicht nur an Leben, sondern auch an gesellschaftlichen Strukturen, die unsere Welt in ihrer Ordnung halten. Und irgendwo in dieser grauen, lebensfeindlichen Umgebung, die von Dieben und kanibalistischen Banden durchstreift wird, versucht ein Vater mit seinem kleinen Sohn den Schrecken zu entkommen.

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„Eines weiß ich. Der Junge ist der Grund, weshalb ich lebe. Wenn er nicht das Wort Gottes ist, dann hat Gott niemals gesprochen.“

Und tatsächlich nimmt sich The Road nichts anderes vor! Fast schon ironisch fängt der Film neben der schieren Größe der Weltuntergangsproblematik lediglich den kleinsten aller erzählerischen Rahmen ein. Nämlich den Leidensweg eines Vater-Sohn-Gespanns auf der Reise in den hoffnungsvollen Süden ihrer ansonsten so kaputten Welt. In einer unfassbar glaubwürdigen Chemie zwischen Vater, Viggo Mortensen, und Sohn, Kodi Smit-McPhee, führt uns der Film auf einen langen, beschwerlichen Weg durch eine von Hunger und Leid zerfressene Welt.

Und zwischen all dieser Boshaftigkeit, die die verbliebenen Menschen beherrscht, versucht der Vater seinem Sohn ein Verständnis von Rechtschaffenheit und Liebe beizubringen. „Das Feuer bewahren“ nennt er es. Das Feuer des Guten in ihren Herzen. Ein Konzept, das in der Welt von The Road nicht nur lang vergessen scheint, sondern auch schwer zu realisieren ist, wenn es darum geht, das eigene Überleben zu sichern. Der Film schafft immer wieder Momente, die uns, die Zuschauer, in die Bedrängnis eines moralischen Zwiespaltes versetzen. Nämlich dann, wenn wir aus Sicht des Vaters alles Erdenkliche in Erwägung ziehen, um den Sohn zu beschützen. Den Preis, den wir dafür bereit wären zu zahlen, legt der Film jedoch nicht auf die moralische Waagschale. Hier überlässt man uns unseren eigenen Vorstellungen von Recht und Unrecht.

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„Ich will nicht einfach nur ‚überleben‘! Verstehst du das nicht?“

Doch neben all den philosophischen Akzenten, den moralischen Fragwürdigkeiten und dem schieren Kampf um’s Überleben, ist dieser Film ein Fürspruch für das Leben und die Liebe. In einer Welt, die diesen Gütern nicht fremder sein könnte, gelingt es den beiden namenlosen Protagonisten, sich selbst und uns davon zu überzeugen, dass es sich lohnt, am Leben festzuhalten und nicht, wie die meisten letzten Menschen ihrer Welt, den Freitod zu wählen.

Die künstlerische Meisterleistung des Filmes ist seine Authentizität bei der Darstellung einer Thematik, die mittlerweile alles andere als neu ist. Das Lob gebührt jedoch nicht nur dem Drehbuch, das sich stark an die gleichnamige Romanvorlage von Cormac McCarthy hält. Gerade die von Schwere und Stimmung geladenen Bilder und die sanfte musikalische Untermalung machen die Atmosphäre nahezu greifbar. In Verbindung mit dem grandiosen Schauspiel der Darsteller bleibt einem kaum eine Wahl, als sich vom Schicksal von Vater und Sohn völlig gefangen nehmen zu lassen. Und wer bei all dem emotionalen Schauspiel nicht wenigstens eine kleine Träne zerdrücken muss, ist entweder völlig gefühlskalt, oder ein Stein.

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The Road, so könnte man sagen, ist das absolute Gegenteil eines Feel-Good-Movie. Wieso also sollte man sich einen solchen Film antun? Weil er die Geschichte, die er erzählen will, auf meisterliche Art und Weise erzählt! Weil dem Film eine Thematik zugrunde liegt, die man nicht erst gesellschaftskritisch interpretieren muss, um ihre Dramatik zu verstehen. Und weil er es schafft, Schrecken und Schönheit des Lebens gleichermaßen eindrucksvoll zu inszenieren. Dies ist einfach eine Geschichte von einem Vater, der seinen Sohn über alles liebt und nicht davon ablässt, ihn zu einem Menschen zu erziehen, während alle Menschlichkeit um sie herum zerfällt.

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Student, Vollblut-Cineast und Teilzeit-Gamer! You stay classy, San Diego!

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