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Internerd 11: Wenn Dampf kondensiert

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Es ist ein einfacher chemischer Prozess: Wenn Dampf kondensiert, entsteht wieder Wasser. Ähnliches kann man auch von Steam behaupten: Valve hat in den letzten Monaten so viele neue Titel auf seine Plattform gelassen, dass der Dampf anfängt sich abzusetzen – nur: Dieses Wasser ist abgestanden und faul. Drei prominente Beispiele, die alles repräsentieren, was Steam im Moment zum Problem macht.

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Day One: Garry’s Incident – Oh, du magst uns nicht? DANN HALT DEINE KLAPPE!!!

Zu Beginn ein sehr prominentes Beispiel für schlechte Steam-Spiele: Day One: Garry’s Incident von Wild Games Studio, einem franko-kanadischen Entwickler, fand über Greenlight seinen Weg auf Steam. Doch es lässt sich stark anzweifeln, dass das auf einem normalen Weg geschah. Denn während der Stimmphase verschenkten (!) die Entwickler ihr Spiel an eine begrenzte Anzahl von Leuten, die dafür auf Greenlight abstimmten. Ganz genau: Sie haben sich einen Großteil ihrer Stimmen erkauft – was völlig den Prinzipien von Greenlight widerspricht, allerdings auch nicht unrechtens ist.

Was folgte war an Vorhersehbarkeit kaum zu überbieten: Das Spiel erschien und war genau so schlimm, schlecht und billig gemacht wie es präsentiert wurde. Es hagelte schlechte Reviews. YouTuber John „TotalBiscuit“ Bain zeigte sich in seiner Videoreihe für Ersteindrücke namens „WTF is…“ selbst erstaunt über die massiven Probleme die mit diesem Spiel einhergingen. Auf Grund seiner Popularität wurde sein Video schnell zum meist gesehen Video zum Spiel. Doch bei einem kam seine Meinung nicht gut an: Wild Game Studio selbst. Die zogen kurzerhand ihre Vereinbarung mit Bain zurück und kassierten sein Video aufgrund eines angeblichen Urheberrechtsverstoßes ein.

Doch dieser Schritt ging nach hinten los – und wie! Zahlreiche Newsseiten nahmen die Story auf, Nutzer machten eigene Videos zum Spiel, bombardierten den Community-Hub auf Steam mit wüsten Beschimpfungen. Bain selbst machte ein zweites Video ohne jegliches Gameplay und stellte Wild Games bloß. Der Druck wurde so gewaltig, dass sich Wild Games-Chef Stephane Woods öffentlich entschuldigen musste und kleinlaut seine Urheberrechtsbeschwerde zurückzog.

Heute vegetiert Day One: Garry’s Incident auch weiterhin auf Steam vor sich hin. Immerhin muss man ihnen zu gute halten, dass sie für ihren DLC kein weiteres Geld verlangen und tatsächlich am Spiel gearbeitet haben, um es besser zu machen. Doch dieses Projekt war von Anfang zu überambitioniert.

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Motor Rock – Natürlich ist das legal! Wait…

Erinnert sich noch wer an Silicon Synapse? Sie waren ein kleiner Konsolenentwickler für Interplay in den 90er Jahren und bauten dort ein Spiel namens Rock’n’Roll Racing für Super Nintendo und Sega Mega Drive. Es war ein isometrisches Rennspiel mit offiziell lizenzierter Rockmusik von u.a. George Thorogood, Black Sabbath und Steppenwolf. Auf Grund seiner Perspektive galt es als ein ungewöhnliches Spiel in seinem Genre, aber viele erinnern sich auch heute noch gerne daran.

So war es zunächst auch nicht verwunderlich, dass am 16.Dezember ein Spiel namens Motor Rock auf Steam auftauchte, das sich selbst als spiritueller Nachfolger sah. Yard Team, ein russisches Entwicklerstudio, zeichnete sich dafür verantwortlich. Doch wenn man einen genaueren Blick auf das Spiel warf so, fanden sich doch einige Ungereimtheiten. So wurden Gameplay, Menüführung und sogar der aus Rock’n’Roll Racing bekannte Sprecher knallhart gestohlen und für eigene Zwecke entfremdet. Die Entwickler versuchten diesen Umstand mit einer 3D-Grafikengine zu verbergen, doch dennoch war Motor Rock nicht mehr nur ein „spiritueller Nachfolger“ sondern eine dreiste und im höchsten Maße illegale Kopie eines Spiels, für das Yard Time sicher keine Erlaubnis von den Original-Entwicklern hatten.

Denn es ist nicht so, dass Silicon Synapse nicht mehr existeren würden. Sie heißen nur anders. Nämlich Blizzard Entertainment. Ja, genau. Wie in Activision-Blizzard. Und natürlich ging der Legalitätshammer auf sie nieder. Eine Woche später war das Spiel auf Steam verschwunden und ist seitdem nicht wiedergekehrt.

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Ashes Cricket 2013 – So schlecht, dass es sich selbst entfernte

Und hier haben wir ein drittes Extrem: Ein Spiel, das die Probleme mit beiden vorhergehenden Beispielen kombinierte: Es war so unglaublich schlecht, dass der Publisher 505 Games es nicht nur von der Plattform nahm, sondern auch allen Käufern sein Geld zurückerstattete.

Ashes Cricket 2013 sollte eigentlich ein Revival für den Kricket-Sport auf PC und Konsolen  darstellen, doch Entwickler Trickstar Games war schlichtweg überfordert mit dem ganzen Projekt. Schon die Entwicklung gestaltete sich als Chaosakt dank zahlreicher leerer Versprechungen die laut 505 von Trickstar gemacht worden waren. Als das Spiel dann schließlich am 22.November erschien, war es bereits mehrmals verschoben worden und kam trotzdem in einem derart unfertigen Zustand auf den Markt, dass 505 Games komplett die Notbremse zog: Anstatt weiterhin an den Problemen zu arbeiten, nahmen sie das Spiel nach nicht einmal einer Woche von Steam, boten allen Käufern Rückerstattungen für ihren Kauf an und brachen die Entwicklung der Konsolenversion kurzerhand ab. Der Twitter-Account ist verwaist und die Facebook-Seite zum Spiel gibt es nicht mal mehr. Einzig der Community-Hub steht einstigen Besitzern auf Steam weiterhin zur Verfügung.

In der Kricket-Szene wurde 505 Games‘ Ansehen massiv geschädigt und der Publisher tut bis heute noch Buße für eines ihrer schlechtesten Projekte überhaupt.

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Der Ausblick: Nicht rosig, eher weiter trüb

Besonders Motor Rock hat uns ein Problem gezeigt: Was passiert, wenn unerfahrene Entwicklerteams und Möchtegern-Spieleproduzenten uns ihre Produkte andrehen wollen. Produkte, bei denen es selbst den Entwicklern egal sind, ob alle Rechtsfragen im Vorfeld geklärt wurden oder überhaupt existieren. Oder ob ihr Spiel überhaupt den geringstmöglichen Standards in Sachen Technik genügt. Guise of the Wolf von FUN Creators, einem ungarischen Studio, wäre ein weiteres Beispiel für einen solchen Trend. Denn anstatt sich selbst Fehler einzugestehen, nimmt man schlechte Publicity in Kauf, weil es Aufmerksamkeit generiert. Und das ist schlichtweg ein gnadenlos falscher, ja sogar verachtender Zug. Man sollte sich eher schämen dafür, dass man diese Fehler überhaupt gemacht hat und sein möglichstes tun, um sie beseitigen.

Und wer glaubt, dies seien einmalige Probleme, der irrt gewaltig. Steam ist inzwischen voll mit Spielen, die einen ähnlichen Ruf haben und den uninformierten Käufer animieren sollen, sein Geld zu investieren. Deswegen muss es unsere Aufgabe als Spielejournalisten sein aufzuklären über diese Perlen der Niedertracht. Denn Valve scheint einfach überfordert oder schlichtweg nicht interessiert zu sein mit einer anständigen Qualitätskontrolle. Dazu passt, dass man inzwischen über ein Ende von Steam Greenlight nachdenkt, weil sich „die Plattform gewandelt“ hätte. Inwiefern bitte? Ganz im Gegenteil: Greenlight sollte sogar noch ausgebaut werden. Und zwar um eine anständige, von Valve betriebene Qualitätskontrolle, die offen Probleme erkennt, aufzeigt und die Entwickler zur Behebung zwingt. Denn letztendlich sollte auch der Kunde auf einer digitalen Plattform König sein.

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Redakteur, Gamer und Filmliebhaber. Mag Indie-Spiele, die PS Vita und Indie-Spiele auf der PS Vita.

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