Herald Review

PC

 

   

Alternative Geschichsstunde: Mit einem Mix aus Visual Novel und Adventure möchte Wispfire in Herald einige immer noch sehr aktuelle Themen präsentieren – auch wenn die Geschichte selbst vor über einem Jahrhundert spielt.

 

Protektorenzustand

Bevor wir an dieser Stelle auf die Story von Herald eingehen, sollte man zunächst einmal einen Überblick über die Zeitlinie verschaffen: Herald ist angesiedelt in einer alternativen Weltgeschichte, in der Europa in einem Protektorat ähnlich dem von Oliver Cromwell aus dem 17. Jahrhundert vereinigt ist. Cromwell hatte 1649 mit den Parlamentariern den Englischen Bürgerkrieg gewonnen, an dessen Ende der amtierende König Karl I. hingerichtet wurde. England wurde daraufhin zur Republik, in der Cromwell schließlich 1653 zum Lordprotektor ernannt wurde und bis zu seinem Tod 1658 mit der Macht eines Diktators regierte. In unserer Zeit kehrten die Royalisten 1660 wieder an die Macht zurück, doch in Herald scheinen sie ihre Herrschaft über ganz Europa ausgeweitet zu haben.

Herald setzt im alternativen Jahr 1857 an. Weil er als Sohn eines Protektoratsmannes und einer Frau aus den Kolonien nie etwas über seine Herkunft erfahren konnte, möchte Devan Rensburg die Meere bereisen, um im fernen Osten ihrer Spur nachzugehen. Da kommt ihm das Angebot des 2. Offiziers der HLV Herald, Aaron Ludlow, ganz gelegen: Die Herald ist auf dem Weg in den Osten, um dort eine Ladung des für das Protektorat enorm wichtigen Farbstoff Indigo zu besorgen und sucht noch einen Matrosen. Für ihn die ideale Möglichkeit, seine eigene Geschichte zu erforschen. Interessant an der Sache: Diese Geschichte wird erzählt in einer Rückblende, die Rensburg später in Gefangenschaft einer mysteriösen Frau preisgibt. Wie es sich herausstellt, ist Indigo nicht der einzige Grund für die Überfahrt…

Von der Aufmachung her ist Herald geradezu nüchtern. Wer Actionszenen wie in Telltales Adventure-Spielen oder Mondlogik-Rätsel wie in Thimbleweed Park erwartet, dürfte enttäuscht werden. Stattdessen versucht sich Herald an einer mehr realistischen und unaufgeregten Herangehensweise. Und man sollte sich von der farbenfrohen Präsentation nicht täuschen lassen: Herald spricht einige sehr finstere Themen an, von denen Sklaverei und Rassismus noch die harmlosesten sind.

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Mehr als ein Weg

Ein Großteil der Zeit verbringt man in Dialogen mit der Crew und Passagieren der Herald. Jeder der Hauptcharaktere besitzt seinen eigenen Sprecher und im Großen und Ganzen machen sie auch alle einen guten Job. Nur wird eben deutlich, dass die Audioqualität bei einigen besser und anderen schlechter ist, weil eben die Aufnahmen für den Dialog nicht an einem zentralen Ort gemacht wurden. Ich muss an dieser Stelle mal lobend erwähnen, dass Wispfire (mit einer Ausnahme) auch eher unbekannte Talente verpflichtete, um die Sprecherrollen zu füllen. Prominentester Sprecher ist wohl Videospieljournalist Jim Sterling, der den abergläubischen Reisenden Robert Stoxan spielt.

Ist man nicht gerade mit Reden beschäftigt, steuert man Rensburg mit der Maus durch das Schiff. Komplette Freiheit hat man nie. Bestimmte Abschnitte sind für den Spieler gesperrt, bis die Story es erfordert. Und die Story ist im Wandel: Bestimmte Aktionen des Spielers haben später Auswirkungen auf den Verlauf der Geschichte und wie sich andere gegenüber Devan verhalten. Z.B. wer stirbt und wer nicht. Am meisten enttäuscht hat mich, dass Herald bis jetzt nur die Bücher I und II beinhaltet. Teil III und IV sind noch in der Mache, weswegen das Spiel leider mit einem recht offenen Ende aufwartet. Ärgerlich für die, die wissen wollen wie es weitergeht, denn eigentlich gefällt mir das Konzept von Herald sehr gut.

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Einheit in Unity

Wie so oft in letzter Zeit, handelt es sich auch bei Herald um ein Unity-Spiel. Die Charaktere in den Dialogszenen sehen sehr gut aus, auch wenn sie wenig animiert sind und nur Gesichtsausdrücke ohne Lippenbewegungen haben. Leider zeigt sich im Spiel dann an mehreren Stellen kleine Probleme mit Grafikfehlern durch z.B. eine fehlende echte Lichtquelle. So kommt es vor, dass Charaktere in der Dunkelheit in orange getaucht wirken. Gerade die 3D-Modelle wirken unförmig und passen nicht ganz zur restlichen Ästhetik, während die Hintergründe mit ihren verwaschenden Farben künstlerisch wirken wollen, aber seltsam flach erscheinen.

Vor kurzem wurde ein Update hinzugefügt, mit dem auch Controller unterstützt werden, aber für die Steuerung war die Maus allein schon passend genug. Die Soundkulisse ist ziemlich rar, was bei dieser Art Spiel aber nicht verwundert. Dafür kann die Musik ein paar Dinge wett machen.

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FAZIT: Die Reise wert

Mit Herald bietet sich ein faszinierendes Konzept mit einer sehr selten verwendeten Zeitperiode in Videospielen, welches mit ordentlicher Autorenarbeit und guten Sprechern verknüpft ist. Zwar brauch die Geschichte eine ganze Zeit um wirklich in Fahrt zu kommen, doch man möchte unbedingt erfahren, wie es weitergeht. Es bleibt zu hoffen, dass Wispfire bald mit der zweiten Hälfte von Herald aufwarten kann. Ich jedenfalls bleibe gespannt.

Herald ist ein exklusiver PC-Titel und erhältlich für Windows-, Mac- und Linux-Systeme, sowohl auf Steam als auch über andere digitale Plattformen.

Good

  • Faszinierende historische Geschichte mit überraschend aktuellen Themen
  • Gute Musik und Sprecher

Bad

  • Technisch nicht immer einwandfrei
8

Sehr gut

Redakteur, Gamer und Filmliebhaber. Mag Indie-Spiele, die PS Vita und Indie-Spiele auf der PS Vita.

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