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Filmkritik: X-Men: Apocalypse

Die Marvel-Maschinerie rattert und rattert, und es ist kein Ende in Sicht. Im Gegenteil, sie wird konstant leistungsfähiger. Der neueste Kraftstoff, der das Gerät antreibt, ist X-Men: Apocalypse. Und alter und neuer Mechaniker am Schaltknüppel ist Bryan Singer, der bis auf X-Men: Der letzte Widerstand (2006) für alle X-Men-Filme verantwortlich war, und damit quasi Marvel-Pionierarbeit geleistet hat. Man wird das Gefühl nicht los, als würden sich die zwei Studios, die sich mit der Verfilmung von Comics befassen, im konstanten Wetteifern miteinader befinden, man will sich gegenseitig übertreffen, statt sich endlich, der Fans zuliebe zu versöhnen. Der neueste Wettbewerb scheint unter dem Motto „Wer kann den coolsten Film rausbringen, in dem die meisten Superhelden mit den bombastischsten Effekten aufeinander treffen?“ zu stehen. Und der Profiteur in dieser ganzen Sache ist eindeutig der Zuschauer, der in vollem Umfang unterhalten wird. Ob nun Fox oder Marvel das Rennen macht, und ob Bryan Singer die Maschine ins Stocken bringt oder sie mit neuer Energie befeuert, erfahrt ihr in unserer Filmkritik!

Vor tausenden von Jahren regierte der Mutant En Sabah Nur, genannt Apocalypse (Oscar Isaac), wie ein Gott verehrt, im alten Ägypten, und galt als unsterblich, unbesiegbar und als einer der ersten Mutanten überhaupt. Fast 5000 Jahre später erwacht Apocalypse im Jahr 1983 wieder, und stellt fest, dass die Welt sich stark verändert hat. Die Menschheit verehrt nun falsche Götter und Götzenbilder, die schwachen Menschen herrschen über die starken Mutanten und schränken sie mit ihren Gesetzen und Systemen in ihrer Freiheit ein. Schnell schart Apocalypse ein Team mächtiger Mutanten um sich – die Vier Apokalyptischen Reiter – und will mit ihrer Hilfe die Welt säubern und sie beherrschen. Die Mutantin Raven (Jennifer Lawrence) stellt sich ihm mit Hilfe von Prof. X (James McAvoy) und einer Gruppe weiterer junger Mutanten in den Weg und macht es sich zur Aufgabe, das grausame Schicksal der Menschheit doch noch abzuwenden.

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Nach X-Men: Erste Entscheidung (2011) und X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (2014) ist X-Men: Apokalypse nun schon der dritte Film, der sich um die neue Generation der X-Men dreht, genauer gesagt um die jungen Versionen der altbekannten Mutanten. Und auch beim dritten Mal hat die Filmreihe wenig an Unterhaltungswert eingebüsst. Zwar muss man diesmal wieder auf die alten Veteranen wie Ian McKellen und Patrick Stewart verzichten, die im Vorgänger noch eine entscheidende Rolle gespielt haben, die „Neuen“ – James McAvoy, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Michael Fassbender – haben sich inzwischen allerdings längst bewährt und schaffen es auch ohne Hilfe, den Film zu tragen. Komplett neue Gesichter sorgen für frischen Wind, wie der junge Nightcrawler (Kodi Smit-McPhee), Scott Summers alias Cyclops (Tye Sheridan) oder auch Game of Thrones-Star Sophie Turner als Jean Grey, und fügen sich optimal in die Riege der X-Men ein.

Die Handlung trägt sich wie von selbst, ist leicht verdaulich und gut zugänglich. Hier und da gibt es ein paar Längen, wenn beispielsweise Dialoge sich etwas zu sehr hinziehen oder dramatische Szenen mehr ausgereizt werden, als unbedingt nötig gewesen wäre. Hier hätte der Griff zur Schere sicherlich gut getan. Ansonsten harmonieren die Darsteller optimal miteinander und ihre übermenschlichen Fähigkeiten sind schön anzusehen. Manchmal kommen diese Fähigkeiten etwas zu passend und genau im richtigen Moment, wenn etwa ein Nightcrawler mit seinen Teleport-Kräften gerade dann zum Zuge kommt, wenn keine andere Lösung in Sicht ist – das wirkt konstruiert und durchgeplant, stört aber den Verlauf des Films keineswegs.

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Oscar Isaac ist die perfekte Besetzung für Apocalypse, da er trotz bis zur Unkenntlichkeit veränderten Gestalt seine schauspielerische Größe beweisen kann. Eine Rolle wie Apocalypse hätte man nicht jedem Schauspieler geben können, in der Hoffnung, das Aussehen, die Stimme und die Visual Effects würden es schon richten. Eine so imposante Gestalt muss man erstmal füllen können. Apocalypse ist eindringlich, einnehmend, betörend und manipulierend, und um das glaubhaft rüberzubringen braucht es schon ein gewisses Maß an schauspielerischem Talent. Bryan Singer setzt Isaac auch kameratechnisch sehr gut in Szene, die vielen Nahaufnahmen seines Gesichts, wenn er mit verzerrter Stimme etwas verkündet, oder seine Fähigkeiten einsetzt und dabei die Pupillen sich weiß verfärben, sorgen für einen schaurig-bedrohlichen Effekt und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Das Gute an einem so übermächtigen Bösewicht ist, dass man sich den ganzen Film über fragt, wie die Helden eine solche Gewalt bezwingen wollen. Permanent werden seine Kräfte demonstriert, Apocalypse kann schier alles erschaffen und wieder desintegrieren und sogar Mutantenkräfte beeinflussen – das bringt eine große Erwartungshaltung die sich bis zum Ende des Films hinzieht und sorgt dafür, dass der Zuschauer am Ball bleibt.

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Auch Michael Fassbender, der schauspieltechnisch sicherlich nicht mehr viel beweisen muss, lebt seine Rolle als Erik Lehnsherr aka Magneto voll und ganz. Den Schmerz, den der Charakter sein ganzes Leben durchmachen muss, wie als seine heile Familienwelt erneut zerstört wird, und der daraus resultierende Zorn auf die Menschheit und die ganze Welt, ist in jeder Filmsekunde spürbar. Jennifer Lawrence ist als Raven ‚Mystique‘ Darkholme resolut, entschlossen und stark. Die Ereignisse aus dem letzten Film hallen auch in X-Men: Apocalypse wider – Raven ist eine revolutionäre Freiheitskämpferin, die von vielen bewundert wird, was stark an Lawrences Rolle als Katniss Everdeen in Die Tribute von Panem erinnert, und womöglich eine augenzwinkernde Anspielung sein soll. Solche Gimmicks hat Bryan Singer mehrfach für aufmerksame Zuschauer eingebaut, wie wenn Angel (Ben Hardy) sich zu den Klängen von Metallicas ‚The Four Horsemen‘ betrinkt.

X-Men: Apocalypse liefert den bisherigen Höhepunkt, was ausufernde Effektfeuerwerke und CGI-Zerstörungswut angeht, und kann sich dabei fast mit der fliegenden Stadt aus Avengers: Age of Ultron (2015) messen, toppt aber in jedem Fall das schwebende Footballstadion aus X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (2014). Alles ist noch größer, noch halsbrecherischer und die Menscheit scheint in noch größerer Gefahr zu sein, die Superlative überschlagen sich, und man hat den Eindruck, die Antagonisten könnten mit ihren Fähigkeiten den Erdball zweiteilen, wenn sie es denn vorhätten. Das alles wirkt zwar manchmal etwas übertrieben (Stichwort: Auschwitz), passt allerdings sehr gut zu dem sich anbahnenden Apokalypse-Szenario, das die Drehbuchautoren wohl erwirken wollten.

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Neben dem gewohnten und unverzichtbaren Cameo-Auftritt Stan Lees gibt es ein überraschendes Wiedersehen mit einem weiteren alten Bekannten, der mit seinem gelungenen Kurzauftritt eine Schneise der Zerstörung und für einen Comicverfilmung erstaunlich viele Blutspritzer hinterlässt. Als besonderes Highlight erweist sich wie schon bei X-Men: Zukunft ist Vergangenheit (2014) Quicksilver (Evan Peters), der mit seiner frechen, unbekümmerten Art und vor allem mit seiner Fähigkeit, sich so schnell zu bewegen, dass alles um ihn herum still zu stehen scheint, einen ganz gewaltigen Auftritt hinlegt und für die wohl größten Lacher sorgt. Dass die Fox-Studios den weitaus besseren Quicksilver an Bord haben, steht gänzlich außer Frage.

Es scheint fast schon Tradition in den X-Men-Filmen zu sein, möglichst vielen Mutanten eine Plattform zu geben und genug Raum zu verschaffen, ihre Fähigkeiten zu demonstrieren, wobei aber für Charaktertiefe und Text nicht mehr viel Platz übrig bleibt. So ist es natürlich auch in X-Men: Apocalypse. So interessant die vier Apokalyptischen Reiter auf den ersten Blick erscheinen mögen, so hölzern sind sie letztendlich in ihrer Darstellung. Bis auf Magneto (Michael Fassbender) sind die Reiter nur Lückenfüller und potenzielle Kontrahenten der Protagonisten, sagen kaum ein Wort, und wenn, dann ist es nichts von Bedeutung. Man erfährt fast gar nichts über sie und was sie ausmacht, und am Ende sind sie bloß unnötig verschossenes Pulver, aus dem man weit mehr hätte machen können. Nicht einmal eine sonst so schillernde Rolle wie Storm kann deren Darstellerin Alexandra Shipp mit Leben füllen, sie wirkt wie eine stille Beobachterin, die hier und da mal mit Blitzen um sich werfen darf. Natürlich kann man beim ersten Auftritt der wetterbeherrschenden Mutantin in der neuen Generation nicht allzu großes erwarten, aber das hat sogar eine Halle Berry in den alten X-Men Filmen deutlich besser gemacht. Dieser Punkt geht eindeutig an die Marvel-Studios, da die Russo-Brüder mit Captain America 3: Civil War souveräner gemeistert haben, eine große Gruppe an Superhelden in ihrem Film zu versammeln, und jedem genug glaubhafte und sich gut in den Film einfügende Screentime und Charaktertiefe zu geben.

Filmkritik: X-Men: Apocalypse X-Men6Alles in allem muss sich X-Men: Apocalypse nicht vor der Avengers-Konkurrenz verstecken. Zwar gibt es Punkte, in denen Marvel Fox um ungefähr eine Nasenlänge voraus ist, aber dennoch haben beide Franchises ihre Daseinsberechtigung und können nebeneinander koexistieren. Singer erfindet mit seinem neuesten Werk sicherlich das Rad nicht neu, bringt aber sehr unterhaltsames Futter für die hungrigen Fans, deren Hunger dadurch wohl noch längst nicht gestillt sein dürfte. X-Men macht nach wie vor Spaß, und man freut sich schon darauf, wohin der Weg als nächstes gehen und zu welcher Leistung Bryan Singer die Maschinerie noch antreiben wird.

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Summary
X-Men: Apocalypse ist ein grundsolider Superheldenfilm mit epischen Effekten, guten Actioneinlagen, der nötigen Prise Humor und hohem Unterhaltungswert. Die teilweise blassen Charaktere werden durch andere, wiederrum ziemlich starke Charaktere gut ausgeglichen.  Schauspielerisch und narrativ macht der Film trotz ein paar Längen und dank der Starbesetzung vieles richtig. Good job, Bryan Singer!
7
Gut
Space Cowboy und Teilzeit-Vampir. Immer schwer bewaffnet mit nem Controller in der einen und Kino-Ticket in der anderen Hand.

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