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Filmkritik: The Neon Demon

Hinter einer schönen Fassade steckt oft ein ziemlich maroder Kern, und ein makelloses Gesicht verbirgt die hässliche Fratze, die wirklich dahinter steckt. Das perfekte und idyllische Model-Business, das voller Versprechungen von schnellem Ruhm und einer großen Karriere steckt, und junge Mädchen in eine surreale Traumwelt schleudert, ist meistens mehr Schein als Sein. Genauso schnell wie eine Seifenblase zerplatzen kann, ist auch Schönheit vergänglich, und von heute auf morgen ist man nur noch ein aussortiertes Exemplar, weil man zu alt ist, ohne in normalen Maßstäben wirklich alt zu sein. Der dänische Regisseur Nicolas Winding Refn befasst sich in seinem neuesten filmischen Werk mit genau dieser Scheinwelt, und schickt seine junge Protagonistin in einen bizarren Sog des Schönheitswahns und der Eifersucht. Schon bei seinen vorherigen Filmen wie Drive (2011) und Only God Forgives (2013) hat Winding Refn ein Gespür für starke Bilder mit viel Aussagekraft, dunkle Kulissen im Neonlicht und einen eindringlichen Soundtrack bewiesen, der noch lange nach dem Abspann nachhallt. Ob ihm das alles auch mit The Neon Demon gelungen ist, erfahrt ihr in unserer Filmkritik!

Die junge und hübsche Jesse (Elle Fanning) zieht nach L.A., die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten, in der man entweder hoch aufsteigt oder tief fällt. Dort möchte sie ihren Traum verwirklichen und als Model durchstarten, und auch wenn der Weg zum Erfolg nicht unbedingt einfach erscheint, ist sie davon überzeugt, dass sie es mit ihrem guten Aussehen weit bringen kann. In der Stadt der Engel kommt sie schnell in Kontakt mit anderen jungen Frauen (unter anderem Jena Malone und Christina Hendricks), die das Business bereits eine Weile kennen, und wissen, wie schnelllebig es ist, und wie rasch man ausgetauscht wird. Ein neues und vielversprechendes Gesicht kommt da natürlich ungelegen, und schon beginnt für Jesse ein verstörender Trip aus Neid, Missgunst und Intrigen im flackernden Neonlicht, bei dem schnell klar wird, dass jeder in ihrem Umfeld weit mehr als nur ihr schönes Gesicht haben möchte.

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Nicholas Winding Refn ist bekannt dafür, in seinen Filmen Genregrenzen auf den Kopf zu stellen, sie regelrecht zu durchbrechen, hält er sich nicht an irgendwelche Schablonen und Vorgaben. Nach dem Actionthriller Drive und dem Rachedrama Only God Forgives widmet sich Winding Refn diesmal dem Horror-Genre zu, und stellte sich dabei die Frage, wie man gezielt einen Horrorfilm ohne Horror machen kann, und ob das überhaupt möglich ist. Und die Antwort ist ein eindeutiges Ja. Horror ist nunmal nicht nur schamloses Blutvergießen oder Zombies, Geister und andere Unwesen, Horror kann auch ohne diese altgedienten Elemente durchaus funktionieren. Es muss die menschliche Psyche ansprechen und in Unruhe versetzen, und das lässt sich auf verschiedensten Wegen bewerkstelligen. Es reicht schon, ein Gefühl des Unbehagens mit Bildern und Atmosphäre zu erschaffen, und The Neon Demon ist voll davon.

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Die noch sehr junge Elle Fanning ist für die Besetzung der Hauptrolle wie maßgeschneidert. Ihr hübsches Gesicht und ihre unschuldige Art lassen einen glaubhaft an den Träumen eines jungen, naiven Mädchens teilhaben, als Model groß rauszukommen, vollkommen unwissend, worauf sie sich dabei einlässt. Jesse wird als ein „Diamant in einem See aus Glas“ bezeichnet, was durchaus treffend ist, da jeder in dem Film sie als begehrenswert empfindet, ob nun Mann oder Frau. Dass Begehren sich ganz schnell in andere Emotionen umschlägt, darf auch Jesse am eigenen Leib erfahren. Winding Refn zeigt hier aber einen interessanten Wandel, da die anfängliche Unschuld vom Lande schnell versteht, wie das Business funktioniert, und man kann regelrecht im Minutentakt zusehen, wie sie sich von der Modewelt beeinflussen und formen lässt.

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Schauspielerisch sticht wohl vor allem Jena Malone (Die Tribute von Panem) heraus, die als Make-Up Assistentin Ruby sehr glaubwürdig um das Wohl von Jesse besorgt zu sein scheint. Sie ist der rettende Anker in dem Haifischbecken des Mode-Geschäfts, und vermittelt Wärme, Zuneigung und stellt eine Person dar, an die man sich jederzeit wenden kann. Dennoch sorgt der Charakter für die wohl verstörendste und regelrecht abartigste Szene im Film, die man als Zuschauer eher weniger erwartet hätte. Winding Refn lässt an keinem der Charaktere ein gutes Haar, jede Fassade bröckelt zusehend, jeder hat seine eigenen Leichen im Keller. Man kann ja zu Keanu Reeves‘ stehen, wie man möchte, aber sein eher kleiner Auftritt als zwielichtiger Motel-Manager ist so unerwartet wie effektiv. Wenn man sich über die Handlung des Filmes informiert, erwartet man Reeves – allein wegen seiner Bekanntheit – in der Rolle eines Mode-Chefs oder vielleicht eines gealterten Models, aber wenn er dann als ungepflegter, grober Chauvinist mit einem Hang zur Gewalt daherkommt, funktioniert das auf erstaunliche Art und Weise, und er fügt sich gut in den Film ein.

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The Neon Demon trieft nur so vor bildlichen Metaphern, die durchaus auf eine Kritik an die Modewelt schliessen lassen – die Winding Refn durch seine Arbeit an Werbespots für Modemarken wie Gucci, H&M und Hennessy durchaus kennt –  wenn zum Beispiel ein wortkarger und ruppiger Fotograf Jesse sich erst komplett entblößen lässt, um sie dann vor der Linse mit eigenen Händen mit Goldfarbe zu bestreichen, was ihren Wert als neues und frisches Gesicht in der Branche untermalt, oder wenn Jesse plötzlich mit einem Puma konfrontiert wird – das Ganze ist ein Raubtierkäfig, in dem sich jeder gegenseitig zerfleischen möchte. Die beiden Model-Kolleginnen, auf die Jesse sich einlässt, gespielt von Bella Heathcote (Dark Shadows) und dem australischen Topmodel Abbey Lee (Mad Max: Fury Road) wirken wie ausgehungerte Vampire, die nach dem Blut des jungen Mädchens lechzen, man erwartet eigentlich in jeder Szene, in der sie Jesse umgarnen, dass es zur unvermeidlichen Eskalation kommt. In jedem sonst so harmlosen Model-Auftrag und jedem Dialog steckt etwas bedrohlich-brodelndes, das einen an der Unschuld der Szene zweifeln und schlimmes erahnen lässt, und gerade dieser durchgehende Nervenkitzel macht großen Spaß.

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Wieder einmal lässt Nicolas Winding Refn Bilder sprechen. Es gibt teilweise minutenlang keinen Text zu hören, man sieht ein langgezogenes Fotoshooting oder bizarre Club-Besuche, aber genau das macht The Neon Demon so effektiv. Denn es braucht nicht viele Worte, wenn die Bilder, die einem gezeigt werden, für sich sprechen, oder so elegant und stilvoll inszeniert sind, dass jegliches unnötige Wort es zunichte gemacht hätte. Man darf den Film nicht wie einen herkömmlichen Spielfilm in Erwartung an die Aufklärung einer Situation angehen, sondern das Gesehene einfach nur auf sich wirken lassen, und sich einen eigenen Reim daraus machen, ähnlich wie bei einem Gemälde oder einem Ausstellungsstück. Wie schon bei Drive sorgen die Abwechslung von Licht und Dunkelheit, die starken Kontraste der Farben, in diesem Fall viel rot, blau und violett, für einen eindrucksvollen Anblick und ziehen einen in ihren Bann. Winding Refn verwendete spezielle anamorphotische Objektive für den Film, da beispielsweise für den weichen Look der Gesichter der Models keine sonst in Fotoshootings übliche Photoshop-Nachbearbeitung in Frage kam, sondern direkt beim Drehen die Kamera bereits diesen Job erledigen musste.

Kennt man Nicolas Winding Refn-Filme, dann weiß man, dass man immer mit eindrucksvoller Musik zu rechnen hat. Auch The Neon Demon stellt da keine Ausnahme dar, ist sie auch hier definitiv eines der großen Highlights des Films. Das reicht von leisen Spieluhr-Klängen bis hin zu sich steigernden wummernden Bässen und Elektro-Beats. Dafür hat Winding Refn schon zum dritten mal mit dem Komponisten Cliff Martinez zusammengearbeitet. Vor allem im Kinosaal kommt bei dem Dolby-Surround-Sound richtige Club-Atmosphäre auf, da der Sound des Films optimal abgemischt ist und einen komplett umgibt. Zusammen mit den grellen Neonlichtern in den oftmals sehr dunklen Szenen kommt zwar ein Gefühl der Beklemmtheit auf, zieht einen jedoch trotzdem in den Bann. Mit dieser hypnotisierienden Kombi hat Winding Refn sehr viel richtig gemacht.

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The Neon Demon strotzt vor lässiger Coolness, ist elegant betörend und unterhaltsam. Entfernt man den ganzen Glamour und den Glitzer, bleibt zwar von der Handlung nicht mehr viel übrig und die Geschichte ist schnell erzählt, wird dabei jedoch niemals langweilig. Vor allen Dingen ist der Film aber wie bereits Drive eine Hommage Winding Refns an Los Angeles, wenn Jesse neben den malerischen Schauplätzen zum Beispiel verträumt und tänzelnd in den Sternenhimmel schaut und von ihrer Karriere schwärmt, und sich vor ihr die nächtliche Skyline der Stadt erhebt. So ganz ohne Blutvergiessen kommt der Film dann doch nicht aus, und vor allem zum Ende hin nehmen die Dinge einen sehr makaberen und brutalen Lauf, aber das verwischt das Make-Up des Films keineswegs. Mit The Neon Demon hat Nicolas Winding Refn also mal wieder ein gelungenes Projekt in die Welt gesetzt.

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Summary
The Neon Demon ist ein bildgewaltiges Gesamtkunstwerk, das einen vollkommen in seinen Bann zieht. Mit der mal wieder grandios hypnotisierenden Musik, der effektvoll gesetzen Farbkontraste und der düster-verstörenden Atmosphäre schafft es Nicolas Winding Refn erneut, einen starken und ziemlich stilvollen Film abzuliefern. Die Schauspielerinnen vermitteln mit ihrer kühl-kalkulierten Art ein treffendes Bild des nicht ganz so glamourösen Modelgeschäfts und tragen mit ihrer größenteils guten Performance zur Qualität des Films bei. Obwohl etwas mehr Handlung sicherlich nicht verkehrt gewesen wäre, stört das nicht wirklich das Gesamtbild des Films, und schon alleine die musikalische Untermalung und die teils sehr surreal-bizarren Szenen, die sich durch den Film ziehen und dem Zuschauer viel Interpretationsspielraum bieten, verleihen dem Film ein hohes Re-Watch-Potenzial.
8
Sehr gut
Space Cowboy und Teilzeit-Vampir. Immer schwer bewaffnet mit nem Controller in der einen und Kino-Ticket in der anderen Hand.

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