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Filmkritik: The Keeping Room

In Zeiten von modernen Western-Filmen wie The Hateful Eight, Django Unchained oder The Revenant hat Daniel Barber mit seinem neuesten Werk The Keeping Room einen eher traditionelleren, klassisch-anmutenden Weg eingeschlagen. Der Oscar-nominierte Regisseur (Harry Brown, The Tonto Woman) hat sich hierfür eine solide Schauspielerriege gesichert: Neben Hollywoods Allzweckwaffe Sam Worthington – diesmal in der Rolle des Fieslings – ist auch die durch True Grit Western-erprobte und ebenfalls Oscar-nominierte Hailee Steinfeld mit von der Partie. Bei so viel Oscar-Potenzial wäre es durchaus nicht abwegig anzunehmen, dass auch The Keeping Room ein voller Erfolg sein könnte. Ob dies allerdings wirklich der Fall ist, erfahrt ihr in unserer Filmkritik!

Der US-amerikanische Bürgerkrieg befindet sich 1865 in den letzten Zügen. Auf einer abgelegenen Farm in den Südstaaten versuchen die Schwestern Augusta (Brit Marling) und Louise (Hailee Steinfeld) sowie Sklavin Mad (Muna Otaru) irgendwie über die Runden zu kommen. Die drei Frauen sind im vom Krieg zerrütteten Land vollkommen auf sich alleine gestellt und müssen sich selbst versorgen, während sie sehnsüchtig auf das Ende des blutigen Konflikts warten. Als Augusta eines Tages in die Stadt fährt, um Medikamente zu besorgen, erregt sie die Aufmerksamkeit von zwei Deserteuren der Unions-Armee (u.A. Sam Worthington), die sie bis zurück auf ihre Farm verfolgen – mit nichts als finsteren Absichten im Gepäck. Für die Frauen beginnt neben dem Erhalt ihrer Existenz nun auch der Kampf ums blanke Überleben.

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Obwohl sich The Keeping Room in einem historischen Setting abspielt, sind regelrecht post-apokalyptische Elemente festzustellen. Die Menschen sind verzweifelt, suizidal, mittellos, ohne jegliche Perspektive. Es mangelt an allem und es fehlt jeglicher Respekt und Selbstachtung. Selbst die Protagonistinnen greifen zum Alkohol, um Schmerzen und Sorgen zu ertränken – oftmals sind es diese beschwipsten Momente, die die einzig heiteren im Film darstellen. Gerade dieses Ausgangssituation ist die große Stärke des Films, die Beklemmung und Hoffnungslosigkeit, und wie die Menschen damit umgehen. Man hört nur vom Bürgerkrieg, bekommt diesen jedoch nie direkt zu Gesicht. Daniel Barber baut diese Atmosphäre Stück für Stück auf, lässt vor allem zu Beginn mehr Bilder als Worte sprechen, und baut somit ein stabiles Grundgerüst auf, das Interesse weckt. Dieses Gerüst wird jedoch nie richtig fertiggestellt und fängt gegen Ende besonders zu wackeln an.

Die Charaktere im Film bieten viel Potenzial für Tiefe, jeder wirkt, als habe er eine lange Geschichte vorzuweisen. Leider versäumt Barber es, diese auch zu erzählen. Zwar offenbaren die Hauptfiguren allesamt Details aus der Vergangenheit, berichten von schlimmen Kindheitserfahrungen, werden von bizarren Alpträumen aus dem Schlaf gerissen, und überall sind kleine Details verstreut, die einem mehr Informationen zu den Charakteren bieten, aber alles wird nur angedeutet. Das mag ein Stilmittel sein, dem Zuschauer Raum für Interpretation zu bieten, aber etwas mehr Ausgestaltung wäre hier nicht verkehrt gewesen. Man möchte mehr erfahren, was die Schwestern und die Sklavin Mad ausmacht, sitzt aber wie vor einem reich gedeckten Buffet, dass man nicht anrühren darf.

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Brit Marling ist als Augusta knallhart, sie ist Mutter und Vater in Personalunion, versucht, ihrer kleinen Schwester Louise die Welt beizubringen, sie jedoch zeitgleich vor ihr zu beschützen. Ausgerüstet mit einem Gewehr übernimmt sie das Jagen und ist für den Schutz ihrer kleinen Familie verantwortlich, es wird schnell deutlich, dass sie seit Beginn des Bürgerkrieges, als es alle Männer in die Schlacht gezogen hatte, schnell lernen musste, mit dem Schießeisen umzugehen, und stellt das oft genug unter Beweis. In Mad sieht sie keine untergebene Sklavin mehr – diese Zeiten sind vorbei – sie fungiert viel mehr als Freundin und Schwester im Geiste. Das zeigt sich vor allem, als Louise ablehnt, den Boden umzupflügen, und meint, dass das die Aufgabe von Mad sei, da sie doch die „Negerin“ ist, wohingegen Augusta erwidert, dass sie jetzt alle „Neger“ sind. In dieser post-apokalyptischen Welt Amerikas gibt es keine Hierarchie und Rassentrennung, auch eine Handgreiflichkeit Mads gegenüber Augusta bleibt ungestraft und spielt keine Rolle mehr, was vorher wohl undenkbar gewesen wäre.

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Sam Worthington als ruchloser und schießwütiger Ganove Moses ist in etwa so furchteinflössend wie ein Hundewelpe, und selbst der endlos bellende Straßenköter, der ihn begleitet, strahlt mehr Bedrohlichkeit aus. Im Gegensatz zu seinem permanent betrunkenen und unberechenbaren Sidekick Henry (Kyle Soller), zeigt er beim Zusammentreffen mit Augusta so etwas wie Gefühle und Menschlichkeit, beißt bei der taffen Lady jedoch auf Granit.

The Keeping Room ist teilweise spannend, baut jedoch nicht genug auf dieser Spannung auf, da diese nicht lange genug anhält, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Obwohl man manche Situationen schon vorher meilenweit kommen sieht, gibt es hier und da ein paar überraschende Momente, die jedoch im Endeffekt zu kurz kommen. Als Vertreter des „Home Invasion-Thrillers“, also eines Films, bei dem der Schutz des eigenen Heims vor Eindringlingen im Fokus steht, macht The Keeping Room leider keine besonders gute Figur. Im großartigen Panic Room (2002) und sogar in Kevin Allein zu Haus (1990) wirkt es wesentlich schwerer, die eigenen vier Wände zu beschützen, da dort für diesen essentiellen Aspekt wesentlich mehr Raum geboten wird. The Keeping Room möchte den Höhepunkt des Films einfach zu schnell hinter sich bringen, anstatt das gebotene Potenzial einfach zu nutzen und dadurch die Spannung zu erhöhen.

Dennoch setzt Barber ein durchaus positives Statement für den Feminismus. In dem chauvinistisch-patriarchalischen Amerika zur Bürgerkriegszeit haben die drei Protagonistinnen die Zügel in der Hand. Sie beweisen Stärke in einer Zeit, in der Emanzipation wenig Raum zur Entfaltung hatte, und übernehmen die stereotypen Rollen, die sonst den Männern zugeschrieben waren. In Anbetracht dessen hat auch dieser Film seine Daseinsberechtigung.

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The Keeping Room ist ab dem 17. März 2016 auf Blu-ray und DVD erhältlich.

Summary
The Keeping Room ist ein eher lauwarmer Western, der, kaum dass er in die Gänge kommt, bereits zu Ende ist. Auch eine gute Schauspielleistung kann nicht von den negativen Aspekten ablenken, dass viele Szenen ziemlich vorhersehbar und die spannenden Momente nicht von Dauer sind. Etwas mehr Charaktertiefe und Story hätten dem Film gut getan. So sehr er sich auch bemüht, kann The Keeping Room das B-Movie-Feeling bis zum Schluss leider nicht abschütteln.
5
Mittelmässig
Space Cowboy und Teilzeit-Vampir. Immer schwer bewaffnet mit nem Controller in der einen und Kino-Ticket in der anderen Hand.

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