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Filmkritik: The Big Short

Es gibt Stoffe, so möchte man meinen, die sich für eine Spielfilm-Umsetzung besser eignen, als andere. Ein Finanzdrama, das den weltweiten Börsencrash im Jahr 2007 mit einer ordentlichen Prise Fachjargon zu beleuchten versucht, würde man intuitiv ins dokumentarische Abendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen verplanen. Nicht jedoch, wenn die Vorlage von Michael Lewis stammt, der bereits für die Geschichte hinter Moneyball (2011) zuständig war. Jedoch ist es erst Adam McKays Handwerk, dass das Sachbuch in eine ansprechende Spielfilm-Passform bringt – ohne jedoch an den Fakten zu drehen, die Lewis‘ Geschichte so glaubwürdig und verworren zugleich machen. Warum The Big Short trotz der trockenen Grundprämisse dennoch das Kinoticket wert ist, lest ihr in der Kritik.

Im Jahr 2005 macht der brillante Hedgefonds-Manager Michael Burry (Christian Bale) eine erstaunliche Entdeckung. Seine akribischen Beobachtungen des amerikanischen Immobilienmarktes führen ihn zu der Prognose, dass es sich bei dem blühenden „Housing“-Markt lediglich um eine zum Platzen verdammte Finanzblase handelt. Im Irrglauben an das stetige Wachstum dieses Systems, will keiner auf Burrys Warnungen hören, weshalb der Banker beschließt, mit enormen Geldbeträgen gegen einige große Banken zu wetten. Etwa zur gleichen Zeit, versucht der Deutsche Bank-Makler Jared Vennett (Ryan Gosling), der den Crash ebenfalls hervorsieht und ebenfalls versucht, Profit aus der Situation zu schlagen, den Trader Mark Baum (Steve Carrell) für seine Sache zu gewinnen. Dieser zeigt sich jedoch zunächst völlig überwältigt von der naiven Ahnungslosigkeit der Banken, während er nach und nach die Wahrheit hinter dem Immobiliengeschäft entlarvt…

Wer sich bei einem solchen Thema vor zähen Dialogen und langwierigen Sequenzen fürchtet, kann beruhigt sein. Denn obwohl The Big Short seine Geschichte nahezu gänzlich aus tatsächlichen Fakten bezieht, füttert Regisseur Adam McKay den Film mit so vielen künstlerischen Kniffen, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkommt. Das liegt unter anderem an dem erstaunlich hohen Erzähltempo, das keine Sekunde verstreichen lässt, ohne dem Zuschauer entweder eine Story-relevante Sequenz, oder aber die nötige Verschnaufpause zu geben, um das soeben Gelernte abzuspeichern.

Hier gelingt dem Film der erstaunlich spannende Spagat zwischen Lehrwerk und Unterhaltungssatire. Während McKay einerseits die überhebliche Finanzwelt der Makler zeigt, die in ihrer Dekadenz lediglich auf immer größeren Profit aus sind, erinnert sein Drama stellenweise an Scorseses The Wolf of Wallstreet (2013). Selbst die schnell abgefeuerten Bildershows und wilden Schnitte wirken wie eine Hommage an die Finanzsatire. Jedoch nur, um kurz darauf mit einer 180° Wende zum dokumentarischen Ansatz zurück zu kehren und dem Zuschauer mit Fakten die dunkle Seite solcher überdimensionierten Geldgeschäfte aufzuzeigen.

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Im Zentrum der Finanzgeschichte, die in Jahresabständen erzählt wird, stehen die vier Charaktere, die den Finanzcrash nicht nur hervorsehen, sondern jeweils auf ihre Art die Naivität des Systems entlarven. Die Stärke des Casts unterstützt den Zugang zu einem Thema, das bisher vermutlich den Wenigsten in all seinem Umfang bekannt war. Hilfe erhält man während des Films deshalb direkt von Ryan Goslings Charakter. Dieser durchbricht regelmäßig die vierte Wand, um komplizierte Vorgänge, oder simplen Fachjargon für den Zuschauer aufzudröseln.

Dabei wird Gosling von einigen smarten Ideen des Regisseurs unterstützt. So baut McKay regelmäßig kleine Montagen ein, in denen CDOs und MBSs erklärt werden. Am einfachsten versteht man solches Fachchinesisch natürlich dann, wenn man es von Margot Robbie (The Wolf of Wallstreet) erklärt bekommt, während sie mit einem Champagnerglas in der Hand ein Schaumbad nimmt. Nur ein feuchter Makler-Traum? – In diesem Fall eine mit reichlich Augenzwinkern versehene, effektive Erzähl-Methode des Regisseurs. Es sind solche Szenen, die den Zuschauer regelmäßig aus dem depressiven Sog der Fassungslosigkeit holen und ihm mit einem lachenden und weinenden Auge die Absurdität dieser realen Ereignisse aufzeigen.

Besonderes Lob gebührt Steve Carrell, der einmal mehr beweist, dass er nicht nur als Comedy-Darsteller Unterhaltungswerte zu bieten hat. Gerade seinem Charakter – als einem der wenigen moralischen Instanzen in diesem vor Gier triefenden Netz – gelingt es in den meisten Dialogen, die Irrationalität seiner Gesprächspartner auf der anderen Seite des Tisches aufzudecken. Carrells meisterhaftes Schauspiel überschattet dabei problemlos seine ebenfalls fabelhaften Schauspielkollegen.

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Selbstverständlich ist der Börsencrash kein schnell erzähltes Märchen – gerade dann nicht, wenn versucht wird, die Thematik aus unterschiedlichen Perspektiven aufzugreifen. So wie McKay es mit seinen verschiedenen Figuren tut. Deshalb kommt es zwangsläufig hin und wieder zu kleinen, ungeklärten Fragezeichen, die der Film – trotz ansprechender Präsentation – nicht immer in vollem Umfang beantworten kann. Trotzdem gelingt es The Big Short, selbst dem Zuschauer, der mit dieser Thematik überhaupt nichts anfangen kann, das Gefühl zu vermitteln, den grundlegenden Kern der Handlung begriffen zu haben. Und für alles weitere dürfte der Film sein Publikum zumindest soweit motivieren, sich nachträglich mit den Details dieses globalen Finanz-Fails auseinander zu setzen.

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Summary
The Big Short verbindet auf äußerst elegante Art ein geerdetes, höchst ernstes Finanz-Drama mit absurd-komischen und kreativ verflochtenen Schnitt-Ideen. Regisseur Adam McKay gelingt mit seiner Sachbuch-Verfilmung, sein Publikum über ein noch junges Drama der Weltgeschichte zu erhellen und sie zugleich mit der Tragik und Absurdität dieser Ereignisse zu konfrontieren. Unterstützt wird das mutige Vorhaben durch ein starkes Star-Ensemble, das selbst über kleinere Luftlöcher in der komplizierten Thematik hinweg rettet.
8
Sehr gut
Written by
Student, Vollblut-Cineast und Teilzeit-Gamer! You stay classy, San Diego!

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