Filmkritik: Sommerfest

Entertainment

 

Jeder kennt das: Man verlässt irgendwann die Stadt, in der man großgeworden ist, lässt Familie und Freunde und auch verflossene Jugendlieben zurück, um sein eigenes Leben zu leben. Oft fragt man sich, was eigentlich passiert wäre, wenn man diesem Impuls nicht gefolgt sondern gelieben wäre,und in der Heimat seine Zelte nie abgebrochen hätte. Hätte das mit der Jugendliebe vielleicht doch noch klappen können? In seinem neuesten Film beschäftigt sich Sönke Wortmann, der sonst bekannt ist für Filme wie Das Wunder von Bern (2003) oder Deutschland. Ein Sommermärchen (2006) mit genau diesem Thema. Er hat Frank Goosens Roman verfilmt und führt den Zuschauer direkt in den tiefsten Ruhrpott. Ob diese Liebesgeschichte Hand und Fuß hat, oder doch nur alles Träumerei ist, erfahrt ihr in unserer Kritik!

Stefan ist eher mäßig erfolgreicher Theaterschauspieler in München und erfährt vom Tod seines Vaters. Deshalb kehrt er nach zehn Jahren in seine alte Heimat Bochum zurück, da der Haushalt des Vaters aufgelöst werden muss. Es soll ein dreitägiger Kurztrip werden. Doch dort begegnet er natürlich den ganzen Ruhrpott-Originalen aus seiner Vergangenheit: Freunde, Bekannte, Oma Änne, alles Persönlichkeiten aus seiner Kindheit und Jugend. Und natürlich ist da – auch wenn er diese Begegnung gerne vermieden hätte – seine Jugendliebe Charlie. Schnell wird Stefan bewusst, dass aus dem Kurztrip eher eine nostalgische und emotionale Achterbahnfahrt wird.

Regisseur Sönke Wortmann weiß ganz genau, welche Knöpfe er beim deutschen Publikum drücken muss, um die gewünschte Reaktion und den daraus resultierenden Erfolg hervorzubringen. Mal berührt er die Herzen mit Fußballnostalgie oder dokumentarischer Nationalmannschafts-Mär, dann wiederum kann er durchaus auch provozieren und ungewohntes Terrain betreten, indem Tabus offen gelegt und ungeschönt präsentiert werden. Diesmal geht die Reise in den Mikrokosmos des Ruhrpotts. Egal aus welchem Teil Deutschlands man kommt, der Ruhrpott fasziniert und polarisiert gleichermaßen. Ein bisschen schroff aber liebenswert, simpel und doch komplex, immer ehrlich, erdig und vor allen Dingen direkt. Dem Ruhrpottcharme kann man sich nur schwer komplett entziehen. Wortmann, der selbst aus der Region kommt, verbindet in seinem Film Sommerfest eine Liebeserklärung, beziehungsweise Hommage an den Ruhrpott mit einer nostalgischen Liebesgeschichte. Praktisch in einem Zug zeigt er das, was seine Heimat ausmacht, und erzählt dabei gleichzeitig eine Geschichte, die sich schnörkellos in die Idylle einfügt.

Sommerfest2  Filmkritik: Sommerfest

Einen großen Teil tragen die Schauspieler und die authentischen Charaktere, die sie verkörpern dazu bei. Hierbei wurde beim Casting verstärkt darauf geachtet, frische und unverbrauchte Gesichter zu verwenden. Bewusst verzichtete man auf die gängigen Ruhrpott-Schauspieler, die man vielleicht in so einer Liebeskomödie vermutet hätte. Stattdessen kann man sich ganz unvoreingenommen auf den Film einlassen, weil man nicht bereits ahnt, wer jetzt welche Rolle wie spielen wird. Allen voran ist Hauptdarsteller Lucas Gregorowicz’ Leistung hervorzuheben. Auf den ersten Blick scheint er wie eine etwas verlebtere Version von Florian David Fitz rüber zukommen, aber schauspielerisch übertrifft er diesen wohl bei weitem. In den kleinen Nuancen seiner Mimik und Gestik, die er ohne dick aufzutragen so simpel aber effektiv abliefert, steckt viel Feingefühl und die Gewissheit, dass sich jemand mit der Rolle, die er verkörpert, beschäftigt hat. Gerade in den emotionsgeladenden Momenten, Wut und Trauer, Tränen und Schmerz kann Lucas Gregorowicz durchaus punkten. Sein Zusammenspiel mit Anna Bederke, die seine Jugendliebe Charlie spielt, ist stimmig. Ungeniert spielen sich die beiden gegenseitig den Ball zu, ergänzen sich optimal.

Sommerfest4  Filmkritik: Sommerfest

Aber auch der Rest der Schauspielerriege macht ihren Job gut. Gerade die Nebendarsteller repräsentieren den Ruhrpott wohl am besten. Kernig, deftig, immer einen unverschämten aber dennoch gut gemeinten Spruch auf den Lippen. Stefan wird aufs schlimmste beleidigt, im nächsten Satz gibt es ein paar nette Worte hinterher, man solle doch freundlich die Familie daheim grüßen. So einfach kann es sein. Hier und da liefert der Film vielleicht etwas zu überspitzt dargestellte Charaktere. Bei manchen fragt man sich dann schon, ob man noch immer in einem Familienfilm ist, oder doch im Skurillitätenkabinett von Schock-Regisseur Rob Zombie gelandet ist, da einige der Statisten durchaus Parallelen dazu aufweisen. Aber womöglich ist gerade das wieder die ungeschönte, realistische Seite, die Wortmann ohne Kompromisse dem Zuschauer entgegen schmettern möchte. Am Ende beißen auch hier die großmäuligsten Kläffer nicht im geringsten. Oder um es mit der Hassliebe zum Ruhrpott von Stefans Kumpel Toto auszudrücken: “Woanders is auch scheiße.”

Untermalt von leisen Gitarrenklängen und unhektischer Kameraführung dirigiert der Film den Zuschauer durch die schönsten und weniger schönen Gegenden des Ruhrpotts. Zeigt gleichzeitig das schöne und hässliche Gesicht der Industrie. Hier und da gibt es handlungstechnisch ein paar Längen, man wird von Kitsch und Vorhersehbarkeit nicht verschont. Ein Running-Gag bezüglich Stefans Bekanntheit als Schauspieler wird übertrieben ausgereizt (“Muss man sie kennen?”). Das Schicksal eines jungen Fußballspielers, auf dessen Schultern die Hoffnung der ganzen Stadt liegen, der vielversprechend und talentiert ist, und von dem jeder mehrfach sagt, er sei ein guter Junge, der nicht vergessen hat, wo er herkommt, kann man meilenweit vorher schon erahnen. Gerade hier hätte man mit etwas weniger Klischee mehr erreichen können. Humortechnisch kann sich Sommerfest sehen lassen, es wird zwar kein übertriebenes Gagfeuerwerk abgeschossen, aber gerade Freunde von frechem Mundwerk und saloppen Sprüchen kommen hier voll und ganz auf ihre Kosten.

Sommerfest5  Filmkritik: Sommerfest

Dennoch kann Sommerfest auch mit seinen Botschaften und Aussagekraft der Story punkten. Es ist eine Geschichte des Scheitern und des Verlusts. Der Stolpersteine des Älterwerdens. Der Entfremdung von dem zu Hause seiner Kindheit und Jugend. In Stefans irritiertem Gesichtsausdruck wird immer wieder deutlich, wie ungewohnt das alles für ihn ist, es fällt ihm sichtlich schwer, München abzulegen und in den Ruhrpott zurückzufinden. Charlie, zu der er immer wieder zurückkehrt, versucht ihn dabei zu erden, ihn auf die wichtigen Dinge des Lebens zu besinnen. Gerade in den letzten Zügen des Films hat die Message am Meisten Gewichtung, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, gelenkt von der Vernunft oder dem Herzen.

Vergänglichkeit, Abschied, Halt, Besinnen und Neuanfang sind die Kernpunkte des Films, und auch wenn Sönke Wortmann mit seiner Romanverfilmung keine unbetretenen Pfade beschreitet, ist ihm doch eine solide Ruhrpott-Komödie mit viel Emotion und Nostalgie gelungen, in der sich ein jeder auf eine individuelle Art und Weise selbst wiedererkennen kann.

Fazit

sommerfest_cover-212x300  Filmkritik: SommerfestSommerfest ist ein warmherziger Film voller Ruhrpott-Romantik, Jugendlieben-Revivals und kernigen Charakteren. Zwar erfindet Sönke Wortmann mit seiner Verfilmung des Romans von Frank Goosen das Rad nicht neu, setzt ihn aber angemessen in Szene. Der Film punktet mit gutem Schauspiel, interessanten Persönlichkeiten, und schönen, emotionsgeladenen Bildern, hat jedoch hier und da seine Längen und ist eher was für Zwischendurch. Wer sich jedoch im Ruhrpott beheimatet fühlt, wird vieles wiedererkennen und schätzen, Außenstehende könnte Sommerfest ebenfalls auf den Geschmack bringen, diesem einzigartigen Fleckchen einen Besuch abzustatten.

 

 

 

Sommerfest läuft bereits in den deutschen Kinos.

6

Okay

Space Cowboy und Teilzeit-Vampir. Immer schwer bewaffnet mit nem Controller in der einen und Kino-Ticket in der anderen Hand.

Leave a Reply

Your email address will not be published.

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Lost Password