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Filmkritik: Raum

Raum. 9m² mit einem Bett, einer Badewanne, einer Spüle, einem Herd, einem Schrank, einer Lampe, einem Fernseher und einem kleinen Deckenfenster. Über die vielen Jahre ihrer Gefangenschaft hinweg hat Joy gelernt, diesen Raum als ihr neues Zuhause zu akzeptieren. Fern von allem, was sie vorher je kannte. Für ihren kleinen Sohn Jack allerdings ist „Raum“ ein 9m² großes Universum voller kindlicher Fantasie und naiver Vertrautheit. Ob Raum die emotionale Ambivalenz zwischen Tragik und Leichtheit gelingt, lest ihr in unserer Filmkritik.

(Achtung! Der Trailer verrät leider gewisse dramaturgische Wendungen über die 2. Filmhälfte. Besser mit Vorsicht, oder eben gar nicht genießen, sofern man den Film noch nicht gesehen hat…)

Es ist kein Leichtes, genug über die Handlung von Raum zu verraten, ohne dem Drehbuch zu früh den dramaturgischen Wind aus den Segeln zu nehmen. Raum ist einer dieser Filme, die stark davon profitieren, wenn man als Zuschauer so wenig Informationen über den Handlungsverlauf wie möglich vorweg gegriffen bekommt. Da aber leider bereits viele Trailer mehr verraten, als nötig wäre, sollte man sich vielleicht einfach mit dem Vorwissen zufrieden geben, das bereits die Einleitung oben vermittelt. Die junge Joy (Brie Larson) wird seit vielen Jahren in einem kleinen, notdürftig ausgestattetem Raum gefangen gehalten, wo sie regelmäßig von ihrem Geiselnehmer vergewaltigt wird. Mit ihr in diesem Raum lebt ihr vierjähriger Sohn Jack (Jacob Tremblay), der im Unterschied zu seiner Mutter nie eine Welt außerhalb vom „Raum“ kennen gelernt hat.

Ein solcher Plot erinnert unweigerlich an reale Fälle dieser Art und macht es einem nicht leicht, in der ganzen Tragik der Geschichte auf einen greifbaren Hoffnungsschimmer zu warten. Diesen gibt es hier jedoch tatsächlich und der Film ergreift jede günstige Gelegenheit, um klar zu machen, dass auch die düstersten Lebensstunden Freude und die Hoffnung auf einen guten Ausgang in sich tragen können. Einen großen Anteil daran hat die Figur des kleinen Jack, der den Zuschauer mit einem kurzen Monolog über seine Welt, die er „Raum“ nennt, in den Film führt. Seine fantasievollen und zugleich erstaunlich lyrischen Beschreibungen seiner Umwelt lassen erst allmählich begreifen, in welchem Zustand er sich mit seiner Mutter in Wirklichkeit befindet. Hier wird deutlich, dass der eigentliche Protagonist der Geschichte nicht „Mom“ ist, die Jack mit fürsorglicher Aufmerksamkeit ein schönes Leben zu gewähren versucht (so gut wie eben möglich), sondern Jack selbst, dessen kindliche Naivität und seine Unkenntnis über die reale Außenwelt fast schon philosophische Züge aufweisen, die immer wieder in kleinen gedanklichen Monologen präsentiert werden.

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Seine Glanzminuten erreicht Raum allerdings in den eher kleinen, unspektakulären Mutter-Kind-Dialogen. Diese wirken zugleich so natürlich und dann immer wieder seltsam verzerrt durch die Lebensumstände, in denen sich die beiden befinden. Durch Jacks Perspektive der Darstellung gelingt es, die erschreckende Tragik der Ereignisse immer wieder zu durchbrechen. Es ist die verblümte Einfachheit, mit der Kinderaugen ihre Welt erschließen, die selbst ein Martyrium wie das von Jack und seiner Mutter in einen schützenden Schleier der Lebensfreude hüllen kann. Jack erlebt und berichtet von „Raum“ mit einer solchen Fantasie und Spiellust, wie es andere Kinder auf einer 10-mal größeren Spielwiese unter freiem Himmel tun würden.

Unterstützt wird diese fantasievolle Illusion durch die beeindruckende Regieführung von Lenny Abrahamson, der sich zuletzt für Frank (2014) verantwortlich zeigte. Abrahamson bewegt seinen Kameramann erstaunlich subtil durch den „Raum“ und sucht immer wieder neue, frische Bildpositionen, die vor allem dann zu begeistern wissen, wenn der kleine Jack den Raum zu seinem persönlichen Fantasie-Spielplatz umgestaltet. Mit vielen Close-Ups und möglichst kleinen Kamerabewegungen fängt das Bild jede Regung seiner Darsteller ein und scheut sich nicht davor, das erzählerische Kammerspiel auch visuell zu einem zu machen.

Filmkritik: Raum raum3

Regisseur Abrahamsons geniale Regieleistung zeigt sich ebenfalls in der detaillierten Anleitung seiner Hauptdarsteller. Die junge Brie Larson liefert in Raum ihre bisher eindrucksvollste Performance ab und wird prompt und absolut verdient mit einem Oscar für die beste weibliche Hauptrolle belohnt. Ihre liebevolle Hingabe lässt sie nur kurz und frequentiert von der Verzweiflung durchbrechen, ihrem Kind niemals die Welt zeigen zu können, aus der sie selbst stammt. Doch immer wenn sie zu Jack spricht, entsteht eine liebevolle Vertrauenswürdigkeit zwischen den beiden, die es dem Zuschauer verständlich macht, wie es ihr gelingen konnte, gefangen in einem kleinen Raum, ein glückliches Kind groß zu ziehen.

Abrahamson lässt jedoch nie gänzlich das Grauen der Situation vergessen und konfrontiert in der zweiten Hälfte des Films auch den naiven Jack schleichend mit einer dunklen Wahrheit, die seine Mutter bisher akribisch aus seinem Leben hielt. Eine Wahrheit, die dem Zuschauer von Beginn an spürbar gemacht wird, ohne dass sie explizit aufgezeigt werden muss. Hier entwickelt Raum seinen emotionalen Wellengang, der gewährleistet, dass sich Tragik und positive Botschaft in einem respektvollen Verhältnis bei diesem eigentlich grausamen Thema begegnen.

Summary
Raum ist ein emotionsgeladenes Mutter-Kind-Drama, das den Mut aufbringt, ein unvorstellbar grausames Szenario als Ausgangspunkt für seine optimistische Lebensphilosophie zu etablieren und diesen Weg kunstvoll und gleichermaßen ehrlich zu Ende zu gehen. Larson und Tremblay bilden eine wundervolle Symbiose und entfalten ein Gefühlsspektrum, das sich mit jeder fortlaufenden Filmminute immer weiter vor einem ausbreitet. Unterstützt von einer nahezu perfekten Cinematographie, wird Raum zu einem dieser filmischen Kunstwerke, die noch lange nach dem Verlassen des Kinosaals im Kopf nachklingen.
8
Sehr gut
Written by
Student, Vollblut-Cineast und Teilzeit-Gamer! You stay classy, San Diego!

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