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Filmkritik: Moonlight

Mit großen Filmpreisen wie den Golden Globes oder den Oscars werden nicht selten erfolgreiche Filme belohnt, die nicht nur einer ausgewählten Jury gefallen, sondern auch beim großen Publikum gut ankommen. Alle paar Jahre jedoch wird ein Film gekürt, der am durchschnittlichen Kinobesucher meist gänzlich vorbei geht, weil er zwischen hochkarätig besetzten Dramen und spektakulären Action-Blockbustern nur wenig auffällt. Gerade für diese kleineren Produktionen sind Filmpreise meist erst die Initialzündung, um den Film für ein breiteres Publikum zu eröffnen. Im Falle von Moonlight wäre das eine absolut wünschenswerte Entwicklung. Denn ob nun Fan des Genres oder nicht – Wer sich auf dieses authentische Figurendrama einlässt, wird schnell begreifen, weshalb Moonlight den diesjährigen Oscar für den besten Film definitiv verdient hat!

Die Low-Budget-Verfilmung des Theaterstücks In Moonlight Black Boys Look Blue erzählt die Geschichte des neunjährigen Chiron (Alex R. Hibbert), der in den 80er Jahren unter schwierigen Lebensumständen ein einsames Dasein fristet. Von seiner Crack-süchtigen Mutter vernachlässigt und seinen Mitschülern gemobbt, zieht sich der schmächtige „Little“ immer mehr in sich selbst zurück. Vertrauen findet er ausgerechnet beim örtlichen Drogenboss Juan (Mahershala Ali)  und seiner Frau Teresa (Janelle Monáe), die ihm in einer Flut aus Zurückweisung und körperlicher Misshandlungen die nötige Zuwendung schenken. Einige Jahre später sieht sich Chiron (nun gespielt von Ashton Sanders) mit einem neuen, weitaus komplexeren Thema konfrontiert: Seiner Sexualität. So sind es nicht nur seine Mitschüler, die ihm täglich seine Andersartigkeit vorhalten, sondern auch seine erste homosexuelle Erfahrung mit seinem Freund Kevin (Jharrel Jerome), die Chiron mehr und mehr verunsichert. Als erwachsener Mann ist Chiron (jetzt: Trevante Rhodes) nun kaum noch wieder zu erkennen. Doch verbirgt sich hinter der harten, muskelbepackten Schale, die sich der selbsternannte Gangster aufgebaut hat, noch immer der unsichere, schüchterne Junge, der sofort in seine alten Muster verfällt, als er einen Anruf von einer Person bekommt, die er noch aus seiner Kindheit kennt…

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Moonlight ist ein höchst kontroverser Film. Nicht nur, dass er die dramatische Lebensgeschichte eines schwarzen Jungen erzählt, der aus kriminellen Armutsverhältnissen stammt, sondern auch darin dass sich dieser Junge in einer Welt, die sich nur durch Stärke und Dominanz definiert, seiner Homosexualität bewusst werden und sie akzeptieren lernen muss. Doch ist es nicht diese Kontroverse, die dem Film seine Oscars bescherte. Denn kontroverse Filme flimmern gefühlt jede Woche über die Kinoleinwände. Moonlights offensichtliche Stärken liegen in all den Punkten, die der Film hätte sehr falsch machen können. Nicht selten werden solch traurige Schicksale mit einer Wagenladung Tränen und einer ganzen Schallplatte tragischer Violinenmusik erzählt. Und wenn es auch noch um die tabuisierte Liebe zwischen Männern in den 80ern geht, begibt man sich fix ins cineastische Minenfeld der Gesellschaftsdramen mit Tränendrüsen-Überfunktion.

Moonlights Meisterleistung ist es, all diese platt-getretenen Fauxpas kreativ zu umschiffen. Denn bei all der sozialkritischen Ladung konzentriert sich das Drehbuch in drei Kapiteln gänzlich auf die Lebensgeschichte Chirons. Dabei nutzt Regisseur Barry Jenkins extreme Close-ups, pointiert eingesetzte Musik oder kleine technische Spielereien wie Voice-overs über eingefrorene Szenenbilder, um uns so nah wie möglich an die Gefühlswelt seiner Hauptfigur zu bringen. Die ist nämlich höchstens erahnbar, da Chiron so gut wie nie über sein Innenleben spricht. Lediglich durch die starke Kameraführung sehen und verstehen wir jede Regung und Anspannung in den Gesichtern der drei Schauspieler, die Chiron über die verschiedenen Phasen seines Lebens darstellen.

Filmkritik: Moonlight moonlightj

Einen großen Anteil an der Authentizität der Erzählung haben die starken Dialoge. Anders als man es von Theater-Dialogen gewohnt ist, sind sie hier überraschend organisch geschrieben, ohne in ihrer Wirkung an Dramatik zu verlieren. Wenn der schweigsame neunjährige Chiron am Esstisch seine Ersatzfamilie fragt „Was ist eine Schwuchtel?“ und „Woher weiß ich, ob ich eine bin?“ werden vermeintlich innerhalb von Sekunden die schweren Fässer gesellschaftskritischer Themen geöffnet. Doch bevor es dazu kommt, dass sie mit erhobenem Zeigefinger dem Zuschauer ins Gesicht gehalten werden, verlässt das Bild zusammen mit Chiron den Raum und erinnert, dass es hier nicht bloß um die Rolle homosexueller Schwarzer in einer ungerechten Welt geht, sondern um einen Jungen, der lediglich versucht, erwachsen zu werden. Im Kern erinnert die Geschichte daher thematisch irgendwie an den Oscar-Favoriten aus 2014 Boyhood. Auch wenn Moonlight im direkten Vergleich einem etwas zäheren, dunkleren Ton folgt – dafür jedoch in seiner Erzählstruktur deutlich tiefgründiger ist.

Summary
Dass Moonlight eigentlich nur eine kleine Independent-Produktion ist, dürfte jeder nach den 111 Spielminuten vergessen haben. Dafür sorgte nämlich Regisseur Barry Jenkins mit seiner unkonventionellen Kameraführung und der auffälligen Schnitttechnik. Gleichzeitig beeindrucken Alex Hilbert (als neunjähriger Chiron) und Mahershala Ali, der seinen Oscar für die beste männliche Nebenrolle mehr als verdient hat. Doch letztlich überzeugt Moonlight, trotz seiner langsamen Erzählweise, durch seine authentische Kraft, die diesem vielschichtigen, schweren Thema eine besonnene Schönheit verleiht.
8
Sehr gut
Written by
Student, Vollblut-Cineast und Teilzeit-Gamer! You stay classy, San Diego!

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