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Filmkritik: Legend

Tom Hardy steht heute für Qualitätskino, unabhängig vom Genre, in dem man sich bewegt. Doch noch vor 10 Jahren kannte man den gebürtigen Briten lediglich aus TV-Auftritten und kleineren Nebenrollen. Seine unverkennbare Individualität präsentierte Hardy in Filmen wie RocknRolla (2008), Warrior (2011), Lawless (2012), oder auch im neusten Inarritu-Streifen The Revenant, an der Seite von Leonardo DiCaprio. Hört man also, dass der Drehbuchautor von L.A. Confidential (1997), Brian Helgeland, ein britisches Gangster-Drama über die berüchtigten Kray-Brüder mit Hardy in einer Doppelrolle im Kasten hat, kann sich das verwöhnte Gangsterfilmherz gut und gerne um einige BPM erhöhen! Selbst dann, wenn der Film neben Hardy scheinbar nicht mehr allzu viel zu bieten hat. Ob sich die emotionale- und die Kinoticket-Investition lohnt, erfahrt ihr in unserer Filmkritik zu Legend.

In den 1960ern sind die Straßen Londons ein hartes Pflaster. In der Unterwelt ist Gewalt und Skrupellosigkeit die vorherrschende Sprache, während am Tage korrupte Polizisten und Politiker mit blutigem Geld in ihren Taschen ruhig gestellt werden. Doch selbst in einer solch gnadenlosen Zeit gelang es den berüchtigten Kray-Brüdern, Furcht und Schrecken, sowohl unter Ihresgleichen, als auch dem Rest der Londoner Bevölkerung zu verbreiten. Nach ihrer Zeit als Amateurboxer waren die Brüder schnell für ihre grausame Gewaltätigkeit bekannt, mit der sie sich einen Ehrenplatz unter den schlimmsten Verbrechern der Stadt verschafften.

Ihre Geschichten wirken vor allem deshalb so schauderhaft, da all dies auf wahren Begebenheiten beruht und ihre Biographie bereits in unterschiedlichen Medien erzählt wurde. Diesmal erzählt Brian Helgeland wie Ronnie Kray (Tom Hardy), der psychisch gestörte Kray-Bruder versucht, ihr kriminelles Netzwerk zu einem Mafia-ähnlichen Imperium aufzubauen, während Reggie Kray (Tom Hardy) sich in die junge Frances (Emily Browning) verliebt und ein funktionierendes Privatleben mit seinen verbrecherischen Aktivitäten in Einklang zu bringen bestrebt. Dabei stoßen die Brüder natürlich nicht nur auf Gegenwind von diversen feindlichen Parteien, sondern geraten auch immer wieder in Kleinkriege untereinander, die sie – ihrer Natur nach – nicht nur mit Worten austragen…

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Beruhend auf wahren Ereignissen wird Legend jedoch nicht zum trockenen Gangster-Biopic. Das schien eindeutig nicht Helgelands Ambition. Viel mehr nimmt sich der Regisseur von der ersten Minute an viel Zeit, um die Kray-Brüder mit ihren kleinen und großen Unterschieden ausreichend in Szene zu setzen. Dabei verzeiht man dem Film die starke Verharmlosung der Gräueltaten des Gangster-Duos, die alles andere als unterhaltsam waren. Doch sind es gerade diese lockeren, teils satirischen Elemente, die den Reiz von Hardys Schauspiel ausmachen.

Drumherum inszeniert Helgeland ein stimmungsvolles 60er Jahre Setting mit starkem englischen Gangster-Flair. Atmosphärisch funktioniert Legend nahezu perfekt. Die schmutzigen Gassen Londons mit seinen alten Autos und den prunkvollen Nachtclubs versprühen einen nostalgischen Duft dieser Zeit, der sich sehr präsent den ganzen Film über hält. Dass solche Genre-typischen Elemente gerne vom federführenden Regisseur romantisiert präsentiert werden, ist dabei gerne zu verzeihen. Vor allem, wenn Bild und Kostüme diese ferne Welt so lebendig wirken lassen.

Wenn man sich Legend nicht wegen dem Setting anschaut, dann doch auf jeden Fall wegen Tom Hardy. Wer in Mad Max: Fury Road nicht genug von ihm bekam, der kriegt hier gleich die doppelte Portion Hardy spendiert. Und das vermutlich ohne es zu merken. Denn Hardys Schauspiel verschwindet so brillant hinter Maske und Schnitt, dass man zwischenzeitlich tatsächlich glaubt, zwei verschiedene Menschen auf der Leinwand zu sehen. Während er Reggie Kray mit einer stilvollen Gangster-Eleganz verkörpert, verfolgt man eher zögerlich sein manisches Schauspiel in der Rolle des gewalttätigen und unkalkulierbaren Ronnie Kray, der zudem stets einen flachen Spruch auf den Lippen hat.

Filmkritik: Legend 03

Bei all der raffinierten Vielschichtigkeit in Hardys Arbeit an seinen Figuren ist es schade, dass Helgelands Drehbuch sich in der zweiten Filmhälfte zu sehr in die Belanglosigkeit verläuft. Das liegt zum einen an der Figur Frances (Emily Brown), deren Verhältnis zu Reggie Kray einen Großteil des Films ausmacht. Familiendramen waren schon immer Teil des klassischen Gangsterfilms, doch wurden sie stets mit Relevanz zum Rest der Handlung verflochten. Hier wirkt die Liebesgeschichte leider sehr beiläufig und eher als Hindernis am Hauptgeschehen. Hinzu kommt, dass Frances als Nebenfigur leider viel zu wenig zum Film beiträgt, obwohl sie so viel Gesicht zeigt. Ihre Figur wird als schwache, weinerliche Ehefrau durch den gesamten Film gezogen, deren Entscheidungen und Einflüsse auf Reggie so gering sind, dass ihre Funktion bis zum Ende nicht wirklich ersichtlich ist.

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Leider bleiben in der zweiten Hälfte auch weitere inhaltliche Höhepunkte aus. So verliert sich der Film in der Darstellung einiger offensichtlich wahren Vorkommnisse im Leben der Krays, deren Relevanz aus dokumentarischer Sicht sicherlich nicht zu vernachlässigen wäre – hier jedoch für einige Fragezeichen sorgt. Während der Film sich anfänglich viel Zeit genommen hatte, um die Beziehung der Brüder zueinander in den Vordergrund zu stellen, werden Szenen, in denen beide zusammen auftreten immer seltener, zugunsten von irritierend unbedeutenden Plotwendungen.

Summary
Legend bietet stimmungsvolle Bilder, die die schmutzige britische Gangster-Atmosphäre stark in Szene setzen. Untermalt von einem grandiosen Soundtrack und dem starken Engagement von Tom Hardy wird der Qualitätsunterschied zum Rest der Figurenriege, als auch zum Drehbuch leider allzu deutlich. Mit steigender Minutenzahl verliert der Film zunehmend an Struktur, Relevanz und Zuschaueraufmerksamkeit, da er die Figuren so zerstreut und die Geschichte so nebensächlich schreibt, dass gegen Ende kaum noch Interesse für das Geschehene übrig bleibt.
5
Mittelmässig
Written by
Student, Vollblut-Cineast und Teilzeit-Gamer! You stay classy, San Diego!

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