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Filmkritik: Jurassic World

Eines muss vorab gesagt sein: Niemand, der spätestens in den 90ern auf die Welt gekommen ist und sich nur annähernd von der Magie des Films hat bezaubern lassen, kann tatsächlich gänzlich unbefangen in einen Film wie Jurassic World gehen. Dafür haben die drei Jurassic Park Filme, die auf Michael Crichtons Buchvorlage beruhen, einen zu prägenden Eindruck hinterlassen. Nicht nur Kinder saßen mit offenen Mündern in Steven Spielbergs erster Reise in den Urzeitpark. Auch Erwachsene stellten sich insgeheim mindestens ein mal die Frage, ob der unglaublich realistisch wirkende T-Rex nicht vielleicht doch ein lebendiger Dino sein könnte. Tatsächlich zeichnete sich die Saurier-Trilogie in erster Linie durch den herausragenden handwerklichen Aufwand aus, mit dem T-Rex und seine Freunde Teils als lebensechte Roboter, Teils als computer-generierte Effekte auf die Leinwand gezaubert wurden. Es sollte natürlich klar sein, dass derselbe Wow-Effekt heute in einer Zeit, in der riesige Drachen und Netze-schießende-Spinnenmänner zum Filmalltag gehören, nicht mehr so leicht erzeugt werden kann. Dennoch hängt an Jurassic World damit eine gewisse kindliche Vorfreude, gemeinsam mit der entsprechenden Erwartung, noch immer vom Brüllen des Tyrannosaurus Rex aus Ehrfurcht in den Kinositz gepresst zu werden. Denn Dinos sind einfach fucking cool! Egal, ob man nun 8 oder 68 ist! Punkt!

Jurassic World schickt uns 22 Jahre (in echt und im Film) nach den Ereignissen von Jurassic Park (1993) erneut auf die Insel Isla Nublar. Diese hat sich seit John Hammonds erster Vision seines Freizeitparks jedoch ziemlich verändert. Aus seinem damals noch recht kleinem Dino-Gehege ist nun ein Vergnügungspark entstanden, der die gesamte Insel als Spielplatz nutzt. Eine „Jurassic World“ eben. Diese wird zum Besuchsort von Millionen Dinofans, die hinter scheinbar sicherem Panzerglas und anderen Sicherheitsvorrichtungen die gefährlichen Raptoren aus nächster Nähe mit großer Freude begaffen. Scheinbar hat niemand aus den letzten drei Filmen gelernt, dass Dinosaurier ernsthaft gefährlich sind…

Hinter den Kulissen des Freizeitparks läuft allerdings eine große Profitmaschinerie, die versucht, das Interesse der Parkbesucher stets mit neuen Attraktionen und gefährlicheren Dinos aufrecht zu erhalten. Zu diesem Zweck wird in den Laboratorien eine neue Dinospezies gezüchtet. Ein Hybrid, der sich aus diversen, ohnehin schon gefährlichen, Sauriern zusammensetzt und über ungeahnte Fähigkeiten verfügt. „Indominus Rex“ heißt das Biest und weist (wie alle Genexperimente in Hollywood-Filmen) die unangenehme Eigenschaft auf, ziemlich aggressiv und überraschend bösartig zu sein. Was dann folgt, kann sich vermutlich jeder denken. Und so bricht auf der Insel plötzlich das Chaos aus, während Saurierflüsterer Owen (Chris Pratt) zusammen mit Parkmanagerin Claire (Bryce Dallas Howard) nach einem Weg sucht, den Schaden, den der ausgebrochene Indominus Rex verursacht, möglichst gering zu halten. Ob ihnen das gelingt und ob Filmwissenschaftler irgendwann mal lernen, dass es keine gute Idee ist, Hybrid-Monster zu züchten, erfahrt ihr, wenn ihr euch Jurassic World im Kino anschaut!

Eintrittskarte in die verlorene Welt

Jeder der erzählt, im Kino gesessen und nicht ein paar Freudeshüpfer in der Brust verspürt zu haben, lügt. Denn spätestens, wenn das erste mal John Williams‘ Jurassic Park Theme durch die Boxen klingt, stellen sich sofort ein paar Armhärchen auf. Tatsächlich etabliert der Film den neuen Freizeitpark wirklich ansprechend. Aus der Sicht von den Geschwistern Gray (Ty Simpkins) und Zack (Nick Robinson) werden wir als Besucher des Themenparkes den neuen Attraktionen vorgestellt. So ist alles mittlerweile viel modernisierter und tatsächlich wirkt die Insel wie ein sehr aufwändig angelegter Zoo. Genau so könnte sich John Hammond seine Idee vom Jurassic Park gemalt haben.

Dabei gibt sich der Film viel Mühe, möglichst viele Beziehungen und Querverweise zu Spielbergs Original herzustellen. Überreste des ursprünglichen Jurassic Park sind an nahezu jeder Ecke zu erkennen. Doch auch mündliche Verweise werden oft genug gemacht und ein Fan der Filme wird sich über das ein oder andere Originalzitat freuen. Selbst die Veränderung des Parknamens zur „Jurassic World“ wird erläuternd in den Film verflochten. Genauer möchte ich auf die vielen kleinen Eastereggs jedoch nicht weiter eingehen, um dem aufmerksamen Zuschauer nicht den Spaß an der Suche zu verderben. Auf jeden Fall machen schon die ersten Filmminuten Freude an der Welt, die diesmal von Colin Trevorrow inszeniert wurde.

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Sympathisches Dino-Futter

Markenzeichen der Originalfilme waren stets die ausführlich präsentierten Figurenkonstellationen. Dies ist ein Überbleibsel von Spielbergs Art des Familienfilms, die Trevorrow offensichtlich mit seinem Casting versuchte zu adaptieren. Das ist ihm erfreulicherweise gut gelungen. Chris Pratt ist, seit Guardians of the Galaxy, ein immer gern gesehener Hauptcharakter in Abenteuerfilmen und mimt auch hier einen äußerst sympathischen – wenn auch deutlich weniger flapsigen – Raptorenforscher, der es schafft, die Bedrohung auf der Insel authentisch in seinem Schauspiel widerzuspiegeln. Die Chemie zur weiblichen Hauptrolle, die mit der schönen Bryce Dallas Howard besetzt ist, funktioniert ebenfalls reibungslos. Letztere vollzieht nämlich einen angenehmen Figurenwandel von der pflichtbewussten Parkmanagerin zur charismatischen Heldin, die dann doch noch mit dem ein oder andern High-Heels-in-Action-Klischee brechen kann.

Die Kids dürfen bei dem Dinoabenteuer natürlich nicht fehlen und so bekommt auch das Brüderpaar Gray und Zack ihre Screentime. Das ist okay und die beiden machen ihre Jobs als hilfsbedürftige Minderjährige in einem für sie viel zu gefährlichen Szenario erstaunlich gut. Den Teilzeit-Antagonisten mimt übrigens Vincent D’Onofrio, der in Netflix‘ Daredevil zur Zeit den fiesen Wilson Fisk verkörpert. Der bekommt in Jurassic World jedoch eine eher unerhebliche Funktion, da die eigentliche Gefahr ja sowieso von etwas viel Gefährlicherem ausgeht…

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Mama, ein ECHTER Dinosaurier!! Oh… doch nicht.

Kommen wir also zu dem, worum es hier doch eigentlich geht: Die Dinos!!! Von denen gibt es in Jurassic World ne ganze Menge. Natürlich bekommen Fans der Serie ihren geliebten T-Rex, die Veloceraptoren und Brachiosauren genügend zu Gesicht. Doch der Film zeigt auch ein paar neue Urzeitwesen, die das kleine Kind im Mann zum Staunen bringen. Der Star unter den Echsen ist natürlich der fiese Indominus Rex, der erst ab dem zweiten Drittel des Films so richtig in Szene gesetzt wird, um den Zuschauer bis dahin ein wenig auf die Folter zu spannen. Das funktioniert ganz gut und der Dino aus dem Labor wird seinem Namen auch tatsächlich gerecht.

Fans der letzten drei Dinoabenteuer werden bei der Inszenierung der Saurier sicher öfter mal einen analytischeren Blick auf die Urzeittiere werfen. Dabei fällt dann auf, dass diese fast ausschließliche mithilfe von CGI-Technik auf die Leinwand gebracht werden. Steven Spielberg schuf seine Dinosaurier 1993 ebenfalls aus den damals sehr aufwändigen – und deutlich unechter wirkenden – Computereffekten und vermischte diese mit noch aufwändigeren Dino-Robotern, die vor allem in den ruhigeren Aufnahmen zur Anwendung kamen. Diese so genannten „Animatronics“ boten einen derartigen Detailgrad der Ausarbeitung, dass ein unwissendes Auge einen solchen Saurier tatsächlich für ein lebendes Tier halten könnte. Natürlich ist klar, dass ein Film mit den heutigen Standarts nicht mehr nur mithilfe von Robotern gedreht werden kann. Dafür ist die Action einfach viel zu rasant und der Aufwand entsprechend zu groß. Zwischendurch vermisst man dann aber doch die Authentizität der alten Teile mit dem einhergehenden Wow-Effekt.

Mir persönlich ist in einer Szene deutlich die Nutzung von solchen Animatronics aufgefallen. Gerade im Vergleich wurde der optische Unterschied zu den computer-generierten Dinos deutlich erkennbar. Persönlich hätte mir eine ausgewogenere Mischung aus den beiden Darstellungsmethoden besser gefallen. Denn so gut die CGI-Technik mittlerweile auch ist – man erkennt den Unterschied zwischen einem Computer-Saurier und einem echten Dino… -roboter.

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Raptoren ohne Biss

Während die kleine Kritik an den Dinosauriern einfach dem Wandel der Zeit und Filmtechnik zugeschrieben werden kann, hat das Fehlen eines anderen wichtigen Filmelements leider einen bleibenderen Eindruck hinterlassen. So zeichneten sich die bedrohlichen Szenen von Jurassic Park zu einem Großteil durch seinen Suspense-Charakter aus. Die Szene, in der sich der T-Rex nachts im Regenschauer durch das bebende Wasserglas ankündigte, ist noch heute in vielen Köpfen als furchterregender Filmmoment hängen geblieben – und allen anderen immerhin als ikonische Szene bekannt. Mit derartigen Suspense Elementen spart Jurassic World leider zu sehr. Das liegt vor allem aber auch daran, dass der Film schon nach den ersten 10 Minuten sehr schnell mit dem kompletten Dinocast auffährt und den Zuschauer von Anfang an mit pompösen Bildern verwöhnt.

Auch die klassische Dino-gegen-Mensch-Bedrängnis, fiel einer groß angelegten Schlacht gegen den Indominus Rex zum Opfer. Und so verstrickt sich der Film im letzten Drittel – ohne nun spoilern zu wollen – in einem Finale, das für einen Jurassic Park Teil etwas aufgeblasen daher kommt. Dabei sieht die Action stets ausgesprochen hochwertig aus, hätte aber gerne hier und da mal, zugunsten einer etwas ruhigeren, atmosphärischeren Szene, weichen können.

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Summary
Zusammengefasst ist Jurassic World ein aufwändiges Spektakel, das sich große Mühe gibt, all die fantastischen Elemente des Originals in frischem Gewand wieder aufleben zu lassen. Das tolle Cast, die satte Action und die ein oder andere ikonische Szene bereiten über weite Strecken gute Unterhaltung. Das Fehlen der Suspense-Elemente aus dem Original ist leider ein auffälliger Abstrich, der mit dem etwas wackeligen letzten Drittel beweist, dass Steven Spielbergs Jurassic Park (1993) noch immer unangefochten an der Spitze der Nahrungskette steht.
7
Gut
Written by
Student, Vollblut-Cineast und Teilzeit-Gamer! You stay classy, San Diego!

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