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Filmkritik: Hail, Caesar!

Joel und Ethan Coen haben die Filmlandschaft bereits mehrfach geprägt. Filme wie The Big Lebowski, Fargo oder No Country For Old Men konnten in der Vergangenheit nicht nur Kritker überzeugen, bei den Fans gelten sie bereits als Kult. Wenn man sich dazu entschließt, einen Film der Coen Brüder im Kino anzuschauen, macht man damit in den meisten Fällen wenig falsch. Sie vermengen ausgeklügelte Dialoge mit starken Charakteren und servieren dem Zuschauer nicht nur vorgekautes Material, sondern regen dazu an, zwischen den Zeilen zu lesen und die grauen Zellen zu aktivieren. Der neueste Streich der Brüder dreht sich um das Goldene Zeitalter Hollywoods, wo hinter den Kulissen von pompös-glamourös aufgemachten Filmen oft nicht alles so bunt und strahlend war, wie es schien. Ob den Coen Brüdern mit Hail, Caesar! auch diesmal ein Volltreffer gelungen ist, erfahrt ihr in unserer Filmkritik!

Eddie Mannix (Josh Brolin) ist Produzent des Filmstudios „Capitol Pictures“. Gleichzeitig ist er der Mann fürs Grobe. Er muss dafür sorgen, dass die Skandale und Probleme, die sich oft um Filmproduktionen ranken, erledigt werden und nicht an die Presse geraten. Nun steht die größte Produktion des Studios bevor: Mit „Hail, Caesar!“ soll ein noch nie dagewesener Monumentarfilm die Geschichte Jesu im alten Rom zeigen, mit Baird Whitlock (George Clooney), dem größten Star des Studios, in der Hauptrolle. Doch dann wird Whitlock während der Dreharbeiten von mysteriösen Unbekannten entführt, und Mannix erhält eine Lösegeldforderung in Höhe von 100.000 Dollar. Das große Projekt droht zu scheitern, und Mannix steht vor einer regelrechten Herkulesaufgabe: Nicht nur, dass er seinen Hauptdarsteller zurückholen muss, er muss um jeden Preis verhindern, dass die Öffentlichkeit von seinem Verschwinden erfährt, und zusätzlich noch andere Filmprojekte stemmen, die ebenfalls unter keinem guten Stern stehen.

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Der Beginn des Films zeigt eine Kinoleinwand mit pompösen Szenen aus dem Monumentalfilm „Hail, Caesar“ – eine Stimme spricht über diesen für die 50er Jahre typisch-aufgebauschten und stark an Ben-Hur erinnernden Trailer. Der Trailer geht zu Ende, aber die Stimme bleibt. Schnell wird klar, dass die Coen Brüder die Grenzen zwischen ihrem Film und dem im Film produzierten Großprojekt verschwimmen lassen. Mit diesem Überschreiten der Ebenen machen sie ihren Film selbst zu einem Film im alten Stil und damit zur Hommage an vergangene Tage: Hail, Caesar! ist eine Best-Of Zusammenstellung aller positiven und negativen Aspekte des Hollywoods der 50er-Jahre.

Mit einem breiten Charakterspektrum zeigen Joel und Ethan Coen auch den Schmutz hinter dem Hollywood-Schein. Jeder erfüllt seine Rolle, hat im Privatleben aber mit eigenen Dämonen zu kämpfen. Doch die Fassade darf niemals bröckeln. Mal wieder konnte man hierfür eine Reihe etablierter Hollywood-Schauspieler gewinnen, die sich allesamt wunderbar in diese Retro-Welt einfügen. Einige wirken so, als hätten sie im Leben nie etwas anderes gespielt. Beim Rundgang durch das Capitol Pictures-Studio begegnen einem – neben diverser skurril-exzentrischer Regisseure – die unterschiedlichsten Facetten und Stereotypen des amerikanischen Hollywood-Schauspielers:

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Josh Brolin ist als Eddie Mannix ein echter Haudegen. In jeder Szene sieht man, dass sein Charakter seinen Job sehr ernst nimmt, und nicht davor scheut, selbst anzupacken. Er ist zwar kein Gesetzeshüter, aber die Coen Brüder stellen Mannix als einen „hard-boiled dick“ dar, einen knallharten Detektiv, ausgerüstet mit Mantel und Fedora-Hut, ganz im Stile von Humphrey Bogart als Philip Marlowe. Ganz bewusst sieht man ihn im schummrigen Zwielicht sitzen, die Finger verschränkt an den Kopf gelehnt, der Blick starr nach vorne gerichtet. Dann bewegt er sich, untermalt von Saxophonmusik, durch dunkle Gassen.

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Scarlett Johansson verkörpert die typische Hollywood-Diva. Als bildhübsche Badenixe plätschert sie durch Wasserballet-Filme, hat im wahren Leben jedoch mit einem unehelichen Kind zu kämpfen, was die Öffentlichkeit natürlich niemals erfahen darf, da sie ein Vorbild für amerikanische Frauen sein soll, und das perfekte Image nicht durch so etwas getrübt werden darf. Außerhalb des Studios trägt sie edlen Zwirn und den obligatorischen Glimmstengel.

In einer grandiosen Doppelrolle ist Tilda Swinton zu sehen – sie spielt die erbarmungslosen Zwillingsschwestern und Klatschreporterinnen Thora und Thessaly Thacker, die sich gegenseitig sehr gering schätzen und Mannix‘ größte Gegenspielerinnen darstellen. Swinton schafft es, die Presse wie einen gierigen Aasgeier im schicken Kostüm darzustellen, der über dem Set kreist und nach der nächsten Skandalstory geifert. Seine tänzerischen Fähigkeiten kann Channing Tatum einmal mehr unter Beweis stellen, wenn er im Matrosenanzug mit anderen Seeleuten in einer schön choreografierten Musical-Szene die Sehnsucht nach Frauen besingt, die Szene aber wohl bewusst und zugleich unterbewusst leicht homoerotische Züge annimmt.

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George Clooney spielt Baird Whitlock herrlich verpeilt, wirkt in der Gewalt seiner Entführer stets deplatziert und ahnungslos, versucht souverän aufzutreten, versteht allerdings nie so recht, was sich um ihn herum eigentlich abspielt. Der heimliche Star des Films ist aber Hobie Doyle (Alden Ehrenreich). Durch und durch Western-Schauspieler, beherrscht er das Lassoschwingen und vollzieht halsbrecherische Saltos auf dem Pferderücken, oder singt mit der Akustik-Gitarre schmachtende Countrysongs, hat aber die Weisheit eindeutig nicht mit Löffeln gefressen. Denn als er als Hauptdarsteller für einen Film außerhalb des Western-Genres gecastet wird, kann er das Cowboy-Dasein nur schwer ablegen.

Die Geschichten der einzelnen Charaktere fließen geschickt ineinander über und treiben die Handlung gut voran, ohne unnötige Längen oder Lückenfüller. Durch die glamouröse Bildgewalt des Films fangen die Coen Brüder die Aufmerksamkeit des Zuschauers immer wieder ein, da jede Szene die vorherige zu übertreffen versucht. Die Grenzen zwischen Hommage und überspitzter Parodie verschwimmen in Hail, Caesar! mehrfach, was allerdings ein gelungener Aspekt ist, da so jedem selbst überlassen wird, wie man eine bestimmte Szene wahrnimmt. Trotzdem merkt man Joel und Ethan Coen eher eine Faszination für alte Hollywood an. Sogar die Kameraführung- und Einstellung von Hail Caesar! ist eine Verbeugung an die frühen Tage des Filmemachens. Sekundenlange Nahaufnahmen besorgter Gesichter, überzogenes Schauspiel oder das Auffangen von Emotionen zweier sich in den armen liegender Charaktere, indem wieder in Nahaufnahmen zwischen beiden hin und hergeschnitten wird, erinnert stark an Filme wie Casablanca.

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Die stärksten Szenen von Hail, Caesar! zeichnen sich natürlich wieder durch gewitzte Dialoge aus, wenn beispielsweise Eddie Mannix sich die Meinung der Vertreter von vier Weltreligionen zur Darstellung Jesu im Film einholt, oder der egozentrische Regisseur Laurence Laurentz (Ralph Fiennes) verzweifelt versucht, seinem Schauspieler beizubringen, wie man ohne Cowboy-Slang einen Satz korrekt ausspricht. Die Geschichte nimmt eine völlig andere Wendung, als es der Trailer vermuten lässt, und hinterlässt nach dem Ende des Films endlich das erheiternde Gefühl, die besten Szenen mal nicht schon im Trailer gesehen zu haben. Der Film trägt eine deutliche Coen-Handschrift, ist dennoch erfrischend anders und zeigt, wie viel Spaß ein Blick hinter die Kulissen des Hollywood-Scheins machen kann.

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Summary
Hail, Caesar! ist eine wunderbare Hommage an das Goldene Zeitalter der Filmindustrie Hollywoods, parodiert das Ganze jedoch mit einer ordentlichen Portion Augenzwinkern. Die Coen Brüder schaffen es wieder einmal, mit einem großen Staraufgebot, skurillen und gut durchdachten Charakteren, sehr unterhaltsamen Dialogen sowie einer stilvollen Aufmachung den Zuschauer in den Bann zu ziehen und vielleicht sogar wieder ein bisschen für die alten Filmklassiker der 50er Jahre zu begeistern oder in Nostalgie schwelgen zu lassen.
8
Sehr gut
Space Cowboy und Teilzeit-Vampir. Immer schwer bewaffnet mit nem Controller in der einen und Kino-Ticket in der anderen Hand.

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