Chronicle of Innsmouth Review

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Spiele basierend auf Filmen und Comics gibt es viele, aber selten erlebe ich, dass ein Buch in Spielform adaptiert wird. Das Point & Click Chronicle of Innsmouth basiert sogar nur auf einer Kurzgeschichte und zwar aus der Welt von H.P. Lovecraft. Cthulhu, ich hör dich trapsen.

Kurze Einführung: Howard Phillips Lovecraft war ein Horror-Autor Anfang des 20. Jahrhunderts. Aus seiner Feder stammt der Cthulhu-Mythos: Geschichten um bösartige Demi-Götter und Monster aus dem All, deren bloße Beschreibung Menschen in den Wahnsinn treibt. The Call of Cthulhu ist unter anderem bekannt als Basis für ein gleichnamiges Pen & Paper Rollenspiel. Auch wenn die Geschichten selbst heute nicht mehr so bahnbrechend und spannend sind wie sie es in den 1920ern waren, bilden sie doch die Basis für das populäre Sub-Genre Cosmic Horror, in denen es meistens darum geht wie unbedeutend und klein der Mensch gegenüber den unvorstellbaren Abscheulichkeiten jenseits unserer Welt ist. Auch der Term „Lovecraftian“ hat sich in den Wortschatz vieler Genre-Fans gefunden, oft um tentakelige, viel-äugige Monster zu beschreiben.

Es gibt eine handvoll Videospiele die grob auf Lovecrafts Ideen basieren oder sich zumindest stark von ihnen inspirieren ließen, wie z.B. The Call of Cthulhu: Dark Corners of the Earth und dieses Jahr erwartet uns außerdem Call of Cthulhu: The Official Videogame von Publisher Focus Home Entertainment. Eines der bekanntesten (und besten) Beispiele ist das Gamecube Horrorspiel Eternal Darkness, das zwar nicht direkt auf Cthulhu basiert, aber sehr klare Inspirationen in Sachen Thematik und Erzählstil aus Lovecrafts Geschichten zieht. Die nihilistischen Motive von Cosmic Horror sind auch nicht leicht in Videospielen umzusetzen, weil es in diesem Setting nicht wirklich darum geht Monster-Ärsche zu treten und Tempel in die Luft zu jagen, was mehr oder weniger der Fokus von heutigen Horrorspielen ist. Mehr dazu in dieser Episode von Extra Credits.

Aber kommen wir nun zu Chronicle of Innsmouth , welches auf Lovecrafts Kurzgeschichte The Shadow over Innsmouth basiert. Innsmouth ist einer der legendären Orte der Mythos Geschichten, Heim von merkwürdigen Halb-Fisch-Menschen und ihrer dunklen Religion. Der namenlose Protagonist ist ein junger Mann auf einer Reise durch Neu-England der eigentlich von Newburyport nach Arkham reisen möchte, und dabei teils aus fehlgeleiteter Neugier, teils aus mangelnden Alternativen, in der Stadt Innsmouth halt macht. Dort stört er die finalen Momente eines von den Bewohnern lange gehegten Plans.

Dabei nimmt das Spiel die Form eines klassischen Point & Click Adventures im Stil der alten LucasArts Titel an. Dialogbäume, Verben-Kommandos, das Übliche halt. In der ersten Stunde hat Chronicle of Innsmouth ein enormes Problem mit dem Ton der Geschichte. Es sieht nicht nur aus wie The Secret of Monkey Island, ich hatte auch oft das Gefühl es möchte so witzig sein wie Ron Gilberts Adventure-Klassiker. Unser Protagonist verbringt die erste (von ca. 4) Stunde des Spiels durch Newburyport zu wandern und sich während der Suche nach den-Plot-voranbringenden Gegenständen über die skurrilen Einwohner lustig zu machen. Die Stadt sieht dem Setting angemessen aus, aber profitiert eine Cthulhu-Adaption wirklich davon, dass ich einem Geek am Bahnhof eine Modell-Lokomotive schenke, damit ich im Gegenzug einen Kugelschreiber erhalte?

Erreicht man dann schließlich Innsmouth schraubt das Spiel den Humor allerdings deutlich zurück, was der Atmosphäre unheimlich gut tut. Trotzdem muss man manchmal ungewollt über die komischen Rede- und Gesichts-Animationen einiger Figuren grinsen.

Chronicle-of-Innsmouth-3  Chronicle of Innsmouth Review

Zum Steuern bietet Chronicle of Innsmouth das klassische Point & Click Verben-Menü, was in mancher Hinsicht eigentlich schon zu viel des Guten ist. Nie habe ich das „Ziehen“-Kommando gebraucht und vieles wäre mit einem Rechtsklick auch machbar. Die handvoll Inventar-Rätsel im Spiel sind eher belanglos, aber ohne sie wäre das Spiel quasi nur eine Visual Novel und damit wäre der Reiz von „Oh, ein Cthulhu Point & Click Adventure das aussieht wie ein altes LucasArts Spiel!“ natürlich verflogen. Die wirklich kniffligen Blockaden auf die ich gestoßen bin und weswegen ich tatsächlich ein paar mal online nachschlagen musste, fallen mehr in die Kategorie von „das hätte ich nie im Leben ausprobiert“. Das Spiel gibt einem wenig vor wie man mit der Welt interagieren kann. Ich habe ein Brecheisen. Da steht eine geschlossene Kiste. Warum kann ich nichts tun? Achso, ich muss die Statue auf dem Tisch drücken.

Im Gegensatz zu Thimbleweed Park kann der Adventure-Held in Innsmouth tatsächlich leicht das Zeitliche segnen. Dank einer Auto-Save Funktion verliert man nie groß an erspieltem Fortschritt, das ändert aber nichts daran, dass einige der hektischen Action-Momente im Finale des Spiels unheimlich frustrierend sein können.

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Eventuell sollte ich an diesem Punkt erwähnen was mich überhaupt zu diesem Spiel gebracht hat. Nun, gefunden habe ich es über einen Tweet, aber ich hatte im vergangenen Jahr schon angefangen einige Lovecraft Geschichten in einem Sammelband zu lesen und mich mehr für Cthulhu Adaptionen zu interessieren. Wie bereits erwähnt, gemessen an heutigen Maßstäben sind die original Geschichten nicht mehr sonderlich spannend, aber unheimlich faszinierend als Ausgangspunkt für viele Dinge die wir im Horror-Genre heute mehr als platt-getretene ‚Tropes‘ sehen.

Ich habe also parallel das Spiel gespielt und die dazugehörige Geschichte gelesen weil ich gespannt war, was man aus diesen Geschichten noch machen kann. Tatsächlich hält sich das Spiel zum Großteil eng an die Vorlage. Figuren die in der Kurzgeschichte in einem Nebensatz erwähnt werden, bekommen hier ein Aussehen und Charaktereigenschaften zugeschrieben. Und viele Situationen, wie die Flucht aus dem Gasthaus, wurden sehr Vorlagen-getreu umgesetzt. Man hat wirklich das Gefühl, dass die Macher des Spiels große Fans der Geschichte sind.

Manche Elemente werden etwas gestreckt um mehr Gameplay zu bieten, andere wurden dankbarer weise gekürzt, wie der sehr ausufernde Monolog des alten Mannes Zobak. Dazu muss man wissen, dass Cthulhu-Geschichten oft einen etwas ausgefallenen Blickpunkt haben. Manchmal geht es nur um Personen, die darüber lesen wie Andere mit dem Mythos konfrontiert wurden. Andere Geschichten unterbrechen ihre Handlung für lange Zeit, damit ein Charakter eine ganze Hintergrundgeschichte ausbreiten kann. Im Falle Zobaks war ich für diese Kürzung sehr dankbar, denn (und hier handelt es sich um einen weiteren Lovecraft Trope) er redet in einem unheimlich anstrengendem Akzent. Im Spiel sind seine Enthüllungen über die Hintergründe von Innsmouth – auch durch die audio-visuelle Untermalung – ein echter Höhepunkt.

Das Spiel erweitert die Handlung noch durch die Einführung eines weiteren Charakters der in Rückblenden gespielt wird und die Hintergründe etwas mehr beleuchtet. Im letzten Kapitel nimmt das Spiel eine gänzlich andere Wendung als das Buch, welche zwar erzählerisch deutlich spektakulärer ist, spielerisch aber leider nicht so viel bietet. Das letzte Rätsel hat etwas mit dem Code für eine Tür zu tun. Die Alternative wäre allerdings gewesen, die letzte halbe Stunde des Spiels damit zu verbringen alte Stammbäume zu durchforsten, ein bisschen mehr Drama am Ende tut der Geschichte doch ganz gut.

Fazit

Chronicle of Innsmouth ist ein interessanter kleiner Indie-Titel, alleine weil seine so getreue Umsetzung von Buch zu Spiel eher selten ist. Und obwohl man dem Spiel anmerkt, dass es ein echtes Fan-Projekt ist, so steckt es doch voller Macken die es zu keinem sonderlich angenehmen Erlebnis machen. Der Anfang zieht sich sehr, das Ende kann furchtbar frustrierend sein und manchmal versucht das Spiel witzig zu sein, was nur selten angemessen ist.

Für Lovecraft Fans ein netter Spaß, für solche die es werden wollen sicher ein einfacherer Einstieg als die alten Texte selber, aber für Adventure-Liebhaber nicht wirklich zu empfehlen.

Chronicle of Innsmouth ist auf Steam erhältlich.

Good

  • Toller Sound
  • Größtenteils der Vorlage treu

Bad

  • Versucht manchmal witzig zu sein was echt nicht passt
  • Action-Szenen sehr frustrierend
  • Rätsel-Lösungen nicht immer nachvollziehbar
5

Mittelmässig

Selbserklärter König der Nerds, Herausforderer bitte hinten anstellen. Ich bin der mit den Nunchakus und dem im Wind flatternden Bandana.

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