Attentat 1942 Review

PC

 

Ein Attentat und seine Folgen: Die Karls-Universität in Prag hat viel Arbeit und Recherche in ihr erstes Spiel fließen lassen. Mit Attentat 1942 versuchen die Lehrenden über die Ereignisse aufzuklären, die die Bevölkerung der damaligen Tschechoslowakei erdulden musste, als ein hochrangiger Nazi-Offizier einem gezielten Anschlag zum Opfer fiel. Da verfassungsfeindliche Symbolik Teil des Aufklärungsauftrags war, konnte das Spiel bislang nicht in Deutschland veröffentlicht werden. Dazu war erst eine Änderung der USK-Richtlinien nötig. Ein Jahr später ist es nun soweit.

Ein kurzer Rückblick

Zunächst einmal etwas geschichtlicher Hintergrund: Am 27. Mai 1942 wurde der Stellvertretende Reichsinspektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich, während einer Ausfahrt von zwei Agenten der tschechoslowakischen Exilregierung, Jan Kubiš und Jozef Gabčík, angegriffen und schwer verletzt. Er starb schließlich wenige Tage später, am 4. Juni, an den Folgen einer Wundinfektion. In der Geschichte der nationalsozialistischen Herrschaft gilt Heydrich, der in seiner Position de facto die Macht über das Land hatte, damit als ranghöchster Nazi-Offizier, der bei einem gezielten Anschlag erfolgreich getötet wurde. Doch die wahre Gewalt begann damit erst: Die deutschen Besatzer wollten sich für ihren Verlust rächen und gingen mit massivster Gewalt gegen die Zivilbevölkerung vor: Zwei ganze Ortschaften wurden niedergebrannt, ihre Bevölkerung ermordet oder in Konzentrationslager deportiert. Auch in anderen Teilen des Landes nahm die Gestapo Menschen fest. Viele davon kehrten nie wieder zurück. Und die, die es taten sprachen kaum noch darüber mit ihren Angehörigen.

Einer davon ist Jindřich Jelínek. Der Spieler übernimmt die Rolle dessen Enkels und muss anhand von Zeitzeugenberichten die Ereignisse rekonstruieren, die zu seiner Verhaftung durch die Gestapo führten. Eingeteilt sind diese Schritte in mehreren Sequenzen: In 2001, der Gegenwart des Spiels, nimmt man an Gesprächen mit Angehörigen und Bekannten seines Großvaters teil. Diese sind als Videosequenzen integriert und werden von echten Zeitzeugen gespielt, die hier jedoch fiktive Rollen übernehmen. Im Stil eines Telltale-Adventures gilt es, die richtigen Pfade zur Antwort zu erhalten. Wichtige Szenen sind mit altem Filmmaterial unterlegt und bestimmte Begriffe nimmt das Spiel automatisch in die Enzyklopädie auf, wo sie beliebig nachgeschlagen werden können.

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Persönliche Sache

Mit der Zeit wächst die Liste der Personen, die befragt werden können. Wenn diese Ereignisse von einst rekapitulieren, lässt es sie in Form eines animierten Comics Revue passieren. Hier finden sich oftmals Minispiele, die weitere wichtige Hinweise liefern. Zum Beispiel, wenn ein Charakter entscheiden muss, was für Gegenstände zerstört werden sollten, um nicht als Verräter zu gelten. Andere Spiele klären über Sachverhalte auf, beispielsweise wie die von den Nazis überwachte Presse ihre Mitteilungen zu verfassen hatte.

Zwischen den Interviews findet man sich auf einer Stadtkarte von Prag wieder. Hier lassen sich Personen auswählen, mit denen sich weitere Informationen erörtern lassen. Hat der Spieler alle Optionen und Gespräche aufgebraucht, aber noch nicht alle Informationen gefunden, so lassen sich diese Interviews wiederholen. Dadurch lassen sich andere Pfade einschlagen, die mehr aufdecken. Benötigt wird dafür eine Münze aus den Minispielen. Je gründlicher in diesen gearbeitet wird, desto mehr Münzen werden verfügbar.

Wer hier eine größere Geschichte erwartet, der wird leider enttäuscht. Attentat 1942 möchte das aber auch nicht erreichen. Es ist gewollt eine persönliche Geschichte nur eines Mannes und was er einst tat, um in den Fokus der Besatzer zu geraten. Daher ist Attentat 1942 auch kein sehr langes Spiel: Ich brauchte etwa 2,5 Stunden für die ganze Sache, inklusive Dingen, die ich in der Enzyklopädie nachschlug. Tatsächlich kam das Ende relativ überraschend.

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Musik ausbaufähig

Für die Steuerung reicht eine Maus. Eine Herausforderung sucht man vergebens, denn vor allem soll dieses Spiel über eine schwere Phase der tschechischen und slowakischen Geschichte informieren. So kommt dem Spiel auch zugute, dass auf Sprachausgabe in den alten Sequenzen verzichtet wird. Die nahezu einzige Sprache in diesem Spiel kommt von den Zeitzeugen, die tschechisch mit Untertiteln sprechen. Ihre Worte geben den Szenen und Ereignissen eine beeindruckende Gravitas. Dahingegen ist die Musik eher relativ langweilig und wiederholt sich zu oft. Dafür gefielen mir die vielen Szenen, die in interaktiver Comicform vorliegen aufgrund ihres Stils.

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FAZIT: Lohnende Geschichtsstunde

Attentat 1942 ist ambitioniert, sehr gut recherchiert und in vielerlei Hinsicht interessant. Die Ereignisse von einst in eine so persönliche Form zu bringen, macht das Erzählte umso bedrückender. Vor allem öffnet es die Möglichkeiten, dass weitere Kapitel der Geschichte wie zum Beispiel der Prager Frühling 1968 auf ähnliche Weise beleuchtet werden. Wer sich informieren will, ist hier bestens aufgehoben. Denn grundsätzlich ist Attentat 1942 Edutainment in der Gestalt eines Adventures, kein reines Adventurespiel.

 

Attentat 1942 ist ein exklusiver PC-Titel.

Good

  • Gute Präsentation
  • Sehr informativ
  • Fesselnde Story

Bad

  • Recht kurz
8

Sehr gut

Redakteur, Gamer und Filmliebhaber. Mag Indie-Spiele, die PS Vita und Indie-Spiele auf der PS Vita.

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